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M U S I K F O R M A T E

Das Geheimnis der tauchenden Mickymäuse

MP3 ermöglicht den Tausch von Musik übers Internet - bislang um den Preis eines schlechteren Klangs. Das neue MP3pro bringt es dagegen schon fast auf CD-Qualität

Von Jürgen Teipel

Mickeymaus
© Susanne Saenger

Vor zehn Jahren stieß der schwedische Autodidakt Lars Liljeryd bei der Arbeit an Unterwassersprechfunkgeräten für die Ölbohrindustrie auf ein seltsames Phänomen. Tief unter der Bohrinsel schienen immer genau dort Schwärme von Mickymäusen zu paddeln, wo eigentlich hart gesottene, frühmorgens mit Reißnägeln gurgelnde Taucher mit gebotenem Ernst an Pipelines herumschweißen sollten. Aus der Sprechfunkleitung kam nur ein unverständliches Piepsen.

Liljeryd ging der Sache auf den Grund und fand nicht nur des Rätsels Lösung, sondern kam auch auf eine Idee, die schon ab Mitte des Jahres den nächsten Schritt in Richtung entstofflichter Musik bedeuten wird. Aber dazu später.

MP3 ist derzeit wohl das am meisten strapazierte Kürzel in der Musikszene. Es geht um den Tausch illegaler Kopien, die Umwälzung der gesamten Branche. Mit MP3 werden die Daten eines Songs komprimiert, also auf einen Bruchteil des Originals reduziert, und so wird der Tausch über Börsen wie Napster erst möglich. Aber abgesehen davon, dass der Download eines Musikstücks auch bei einem Zwölftel der Originalgröße immer noch dauert, beginnt die Qualität etwa ab diesem Wert zu leiden. Um nämlich von vornherein weniger codieren zu müssen, wurden bei MP3 bis jetzt hohe Frequenzen einfach abgeschnitten. Und besonders hellhörige Ohren vermissen da den gewissen Pfiff.

Das soll nun mit MP3pro besser werden, und zwar gleich doppelt so gut. Nur noch für Fledermausohren soll der Unterschied zum Original hörbar sein. Denn das neue Verfahren schneidet zwar immer noch hohe Frequenzen ab, rekonstruiert sie aber hinterher wieder, praktisch aus dem Nichts.

Beiden Verfahren liegt die Erkenntnis zugrunde, dass der Mensch keine Maschine ist. Er funktioniert nicht nach den Regeln der absoluten Akustik, sondern nach denen der Psychoakustik. Was bedeutet, dass man für das menschliche Gehör unwesentliche Daten getrost weglassen kann - zum Beispiel Töne, die man ohnehin nicht hören würde, weil zur selben Zeit im selben oder benachbarten Frequenzbereich auch noch lautere Töne auftreten. Aber jede Komprimierung hat ihre Grenzen - wenn man zu viel zusammenquetscht, bleiben bald nicht mehr genug Daten für eine vernünftige Decodierung übrig. Nun sind aber nicht alle Daten gleich wichtig. Zwischen 10 und 20 Kilohertz passiert für das menschliche Ohr viel weniger als in den 10 Kilohertz darunter. MP3 löscht daher "von oben aus" Daten. Das bedeutet aber zumindest für geübte Hörer: Man hört immer den Unterschied zum klaren CD-Klang.

Und hier greift nun die Erfindung von Lars Liljeryd, die den Unterschied zwischen MP3 und MP3pro ausmacht. Die Taucher redeten deshalb mit Mickymausstimmen, weil ihrer Atemluft bei langen Taucheinsätzen zunehmend Helium beigemischt wurde - mit dem Nebeneffekt, dass die Männer Fistelstimmen bekamen, die für Außenstehende kaum noch verständlich waren. Liljeryd entwickelte nun ein System, das die Stimmen der Taucher wieder auf ihre normale Höhe zurechtrückte.

Durch einen Trick werden die hohen Frequenzen rekonstruiert

Dieser Trick war aber nicht nur für Ölbohrer nützlich. Liljeryd wurde zum Codec-Bauer. So nennen sich jene Techniker, die versuchen, Audiodaten auf möglichst elegante und Platz sparende Weise zu komprimieren. Er gründete zusammen mit einigen Wissenschaftlern vom Erlanger Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen, der Wiege von MP3, das Unternehmen Coding Technologies. Gemeinsam entwickelte man seine Idee der "Bandbreitenerweiterung" zu einem marktreifen Verfahren, das eben nicht wie MP3 gnadenlos die hohen Frequenzen abschneidet.

"Gewisse" Daten aus diesem Spektrum - Lars Liljeryd sagt nicht, welche - werden in MP3pro codiert, sodass aus den Dateien später wieder die komplette Bandbreite rekonstruiert werden kann. Sein deutscher Kollege Martin Dietz, der Entwickler des ersten MP3-Decoders, lässt wenigstens durchblicken, dass Bandbreitenerweiterung nicht nur bei MP3 funktioniert, sondern bei fast allen gängigen Codern. Für die tiefen Frequenzen wird dabei einfach der ursprüngliche Coder weiterverwendet. Noch weit unter 10 Kilohertz setzt dann allerdings die neue Methode ein. MP3pro spart sich also einen Großteil der relativ schlecht komprimierten MP3-Daten, fügt aber selbst nur wenig hinzu.

Seine volle Stärke entfaltet MP3pro, wenn es zur Kompression von Streaming-Daten verwendet wird, bei denen der Nutzer die Musik in Echtzeit aus dem Netz saugt, also etwa beim Web-Radio. Hier ist die Klangqualität zusätzlich beschränkt durch die Kapazität des Netzzugangs. An sich würde die Übertragung von Musik in CD-Qualität eine Leitung voraussetzen, die etwa 1400 Kilobit pro Sekunde durchschleusen kann. Eine ISDN-Leitung schafft aber maximal 64 Kilobit. Mit MP3 passt bei derselben Übertragungsrate immerhin fast UKW-Qualität durch die Telefonschnur. MP3pro liegt nur noch knapp unter der ursprünglichen CD.

Das eigentlich nicht mehr verbesserungsfähige MP3 wurde also durch den Trick des schwedischen Tüftlers doch noch eine Idee besser. Ganz ohne es im Kern zu verändern. Was in der Praxis bedeuten wird: Alles, was MP3pro abspielt, spielt auch MP3 ab. Neuere MP3-Abspielgeräte können problemlos nachgerüstet werden. Sogar auf den allerersten Modellen wird zumindest noch etwas halbwegs Definierbares zu hören sein. Und Computernutzer holen sich einfach die neue Software aus dem Netz.

MP3pro ist also nicht schon wieder ein neuer Standard, der mühsam eingeführt werden muss. Niemand muss zu Windows Media Audio wechseln, das ja nur scheinbar kostenlos verfügbar ist - denn dafür wird Windows schließlich umso teurer bezahlt. Und vor allem frisst MP3pro nicht mehr Ressourcen als der Vorgänger - niemand muss seinetwegen den alten Computer verschrotten.

Die größte Chance der Audiocodierung liegt freilich darin, dass man sich dadurch einfacher, preiswerter und deshalb auch mehr mit Musik umgeben kann. Schon heute ist es mit MP3 viel eher möglich, sich außerhalb genormter MTV-Musik zu orientieren. Es wäre zu hoffen, dass die Musikindustrie, die heute noch raubkopierende Schüler an den Pranger stellt, die neue Entwicklung zum Anlass nimmt, sich überhaupt einmal auf einen Codierstandard zu einigen und mehr Energie in den einfachen und preiswerten Vertrieb ihrer Ware übers Internet zu stecken.


(c) DIE ZEIT   08/2001   


 



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