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Dialektik des Fleisches
Die Maul- und Klauenseuche könnte Labour den Wahlsieg kosten Von Jürgen Krönig
Rauchschwaden ziehen über Großbritanniens green and pleasant land, nun verdunkeln sie auch den politischen Horizont. Ein rasches Ende des neuen Desasters der britischen Agrarwirtschaft ist nicht in Sicht. Der Maul- und Klauenseuche-Epidemie werden nicht nur Millionen von Tieren zum Opfer fallen - erschossen und verbrannt, um Exportmärkte zu sichern -, auch die menschliche Gesellschaft wird bluten. Tausenden von Bauern droht der Bankrott, die Countryside mit ihrer touristischen Kleinstruktur könnte auf Jahre hin Schaden leiden. Schon gar nicht kommt die Politik ungeschoren davon. Eine urbane Partei wie Labour, nie gut zu sprechen auf hoch subventionierte, notorisch konservative Farmer, erhält eindringlichen Anschauungsunterricht: Seuchen besitzen eine gefährliche Sprengkraft. Eine Minderheit der Farmer probt den Aufstand. Die Veterinäre des Londoner Agrarministeriums sind ihnen als "Boten des Todes" verhasst; sie widersetzen sich der präventiven Tötung Hunderttausender gesunder Schafe, Schweine und Rinder. Selbst in einer Gesellschaft, in der städtische Werte dominieren, ist ländlicher Aufruhr dem feel good-Faktor genauso abträglich wie brennende Kadaver, versperrte Landschaften und leere Dorfkneipen.
Tony Blair steckt in einem Dilemma. Soll er den sorgfältig ausgeheckten politischen Fahrplan angesichts der Seuche ändern, obgleich doch der ersehnte zweite Wahlsieg zum Greifen nahe ist? Oder soll er tun, was ihm selbst die Presse eines Rupert Murdoch rät, und die ländliche Krise ignorieren? Bis zur Ankunft des Virus auf einer Schweinefarm im englischen Norden hatte sich alles blendend gefügt: hervorragende ökonomische Daten, niedrige Inflation, stetiges Wachstum und ein wohldosiertes Budget von Schatzkanzler Gordon Brown, das die Briten mit seiner cleveren Mixtur aus finanzpolitischer Solidität, staatlicher Entschuldung und wohltemperierter Generosität überzeugte. Alle Umfragen deuteten auf einen erneuten Triumph für Labour hin. Bis jetzt jedenfalls. "Augen zu und durch", so lässt sich die trotzige Auffassung in Millbanktower, dem Hauptquartier von Labour, beschreiben. Der Premier scheint entschlossen, womöglich schon in der kommenden Woche die Queen um die Auflösung des Parlaments zu ersuchen und die Unterhauswahl für den 3. Mai anzuberaumen. Den Termin um ein paar Wochen zu verschieben würde wenig Sinn machen. Der Ausnahmezustand auf dem Land wird noch Monate andauern. Auch wäre eine Verzögerung gewiss nicht das richtige Signal, um verängstigte amerikanische Touristen wieder ins Land ihrer Vorfahren zu locken. Doch eine Wahl im Frühjahr ist nicht ohne Risiken. Zynisch und kalkulierend könnte es wirken, ungerührt die politische Ernte einzufahren, während weite Teile des Landes von einer schweren Krise heimgesucht werden. Mit diesem Vorwurf muss die Regierung rechnen. Die Konservativen haben ihre Geschütze bereits in Position gebracht; sie fordern die Aussetzung der Kommunalwahlen am 3. Mai in den besonders betroffenen Regionen, zielen eigentlich aber auf die Unterhauswahl. Eine Verschiebung würde ihnen angesichts eines mehr als 20-prozentigen Rückstandes ein wenig Hoffnung verschaffen. Bei ländlichen Wählern hat Labour so oder so wenig Sympathien zu erwarten. Doch selbst eine Partei, die die Farmer insgeheim zum Teufel wünscht, kann es sich nicht leisten, deren Not einfach zu ignorieren. Ein Berater des Premiers gesteht denn auch ein "flaues Gefühl in der Magengrube" ein. Schließlich sind die Wähler erratischer und wankelmütiger als je zuvor. Die beklemmenden Bilder, die seit Wochen unablässig über die Fernsehschirme flimmern, haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Sie rühren das Herz des "industriellen Essers", der seinen Heißhunger auf tierisches Protein zumeist in Ignoranz des organisierten Gemetzels stillte, auf dem seine Essgewohnheiten basieren. Zur Dialektik des zivilisatorischen Prozesses gehört es, dass er den Fleischkonsum fördert, zugleich jedoch Abwehrgefühle und sublimere Formen der Verdrängung hervorbringt. Die Menschen essen die Objekte ihrer Zuneigung und bedauern sie zugleich. Der "sinnlose" Tod niedlicher Lämmer erzeugt Widerstand nicht nur bei Farmern, die nun nach weniger rabiaten Methoden, etwa einer umfassenden Schutzimpfung, im Kampf gegen MKS rufen. Unmut äußert sich auch in der breiten Öffentlichkeit. Neue Umfragen deuten einen Wertewandel an. Natürlich ist da nach wie vor die Mehrheit unverdrossener Fleischesser, die sich weder von Gesundheitsaposteln beeindrucken lässt noch jenen Experten traut, die ihnen den Verzehr von Hamburgern und Rinderbraten durch die Behauptung vergällen wollen, man könne sich so vCJK einfangen, die menschliche Variante des Rinderwahns. Einer wachsenden Minderheit jedoch vergeht der Appetit auf tierisches Protein, das mit intensiven, oft grausamen Methoden produziert wird. 12 Prozent des Inselvolkes sind bereits Vegetarier, 25 Prozent wollen künftig weniger Fleisch essen; 82 Prozent sprechen sich für artgerechte Tierhaltung und eine nachhaltige Landwirtschaft aus und sind sogar willens, dafür höhere Preise zu zahlen. Selbst in hartgesottenen Medien wird auf einmal über die "Würde des Tieres" gesprochen; Farmer bekennen, dass ihnen die Intensivhaltung von Rindern, Schweinen und Hühnern stets ein Gräuel gewesen sei. Doch wie tief geht der Stimmungswandel, und vor allem - wie dauerhaft ist er? Gewiss wird MKS wie zuvor BSE weithin als Fanal der auf Effizienz getrimmten Landwirtschaft verstanden. MKS ist ein doppelt ironischer Kommentar auf moderne Agrarpraktiken. Sie erhöhen das Risiko der Verbreitung und sorgen dafür, dass das, was einst nur mehr ein Rückschlag für Bauern war, nun zu einer Katastrophe ausufert. Viele, Politiker, Öffentlichkeit und Medien, drängen auf einen Kurswechsel. Doch wenn die Wende zu höheren Preisen führt für Steak und Braten, wie werden Wähler und Medien dann reagieren? Begeistert applaudieren und der verantwortlichen Regierung ein neues Mandat erteilen? Zweifel daran sind berechtigt; der britische Historiker Eric Hobsbawm bezeichnet diesen Konflikt als Dilemma der modernen Demokratie. Es gibt weitere Interessenkollisionen. Sie verlangen Blair jene "harten Entscheidungen" ab, von denen er gern spricht, die er aber meist zu vermeiden trachtet. Großbritanniens Countryside ist im globalen Dorf des Welttourismus eine feste Größe. Als Sperrzone, erfüllt vom bestialischen Gestank verrottender Kadaver, vermag sie den beträchtlichen Beitrag zum britischen Bruttosozialprodukt nicht mehr zu leisten. Gerade pittoreske Landschaften wie der Lake District und das melancholische Dartmoor boten jenes Idyll grasender Schafe und Kühe, das städtische Herzen erwärmt. Niemand wählt endlose Weizenprärien ohne Hecken oder garstige Hühnerfabriken als Ort für ein Picknick. Die praktizierte Seuchenpolitik aber verlangt die Sperrung gerade der attraktivsten Landschaften. Die Tourismusbranche fordert ihre Öffnung. Auf dem Lande machen Verschwörungstheorien die Runde Während man auf dem Kontinent fragt, warum agrarische Katastrophen stets aufs Neue vom "schmutzigen Mann Europas" ausgehen, kursieren in Großbritannien Verschwörungstheorien. Brüssel wolle die Landwirtschaft der störrischen Inselnation zerstören, um Überkapazitäten in Europa abzubauen, flüstern ländliche Kreise. Zeitweilig fand auch die konkurrierende These Anklang, wonach militante Tierschützer das Virus ausbrachten, um die intensive Tierhaltung zu diskreditieren. Dieses instinktive Bedürfnis, andere für das eigene Unglück verantwortlich zu machen, schimmert selbst in den Maßnahmen durch, durch die man die Verbreitung der Seuche verhindern will. Auch Ortschaften weitab von Infektionsherden stellten martialische Schilder auf; Postboten und Zeitungslieferanten werden ausgesperrt, Fremde argwöhnisch beäugt. Mit kaum verhüllter Genugtuung schlossen Landbewohner Fußpfade und Wanderwege. Der schwelende Konflikt zwischen Stadt und Land, verschärft durch das angestrebte Verbot der Fuchsjagd, wird von vielen Farmern als Anschlag einer ignoranten, sentimentalen städtischen Mehrheit auf alte Rechte verstanden. Wanderer und Ausflügler nun aussperren zu können erfüllt die Bauern mit einer gewissen Befriedigung. Diesen Konflik zu entschärfen wird Blair noch schwerer fallen, sollte er bald Parlamentswahlen ansetzen. Das ländliche Britannien empfände das als offene Kriegserklärung.
(c) DIE ZEIT 13/2001
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