Aktualisiert am  Mittwoch, 14. März 2001




E N T S C H E I D E N

Rind, Lamm
- kein Problem


Weder BSE, MKS noch die gestiegenen Fleischpreise können den Briten den Appetit verderben. Jetzt, da das Angebot knapp wird, schlägt die Stunde der Fleischgroßhändler. Ein Besuch auf dem ältesten Fleischmarkt Londons


Von Reiner Luyken

Der Londoner Fleischmarkt
Fotos: Dominik Gigler für ZEIT Leben


Um vier Uhr früh, wenn nur schlaflose Vagabunden und zwielichtige Gestalten durch die dunkle Stadt streichen, erwachen die Gassen zwischen St. Paul's und Farringdon zum Leben. Kühllastzüge manövrieren durch das enge Straßengewirr und rangieren ihre Anhänger an die Rampen eines riesigen viktorianischen Gebäudes. Träger bugsieren die Ladung, an Schlachterhaken hängende Rümpfe enthäuteter und ausgeweideter Rinder, Schweine und Schafe, ins Innere des Bauwerks.

Smithfield Market ist seit über 800 Jahren Londons großer Fleischumschlagplatz. Seit 1327 hat der Markt eine königliche Charta, seit 133 Jahren wird er im Herzen der City abgehalten.

In einem Stadtführer steht: »Wie zu erwarten, geht es hier extrem blutig zu. Kein Ort für Zartbesaitete. Potenzial für die Bekehrung zum Vegetarismus.« Drinnen zerteilen weiß bekittelte und behelmte Gestalten die Rümpfe mit raschen Axthieben und geschwinden Messerschnitten in Keulen, Lenden und Rippenstücke. Tatsächlich ist alles so sauber und geruchlos, als wären die Tierkadaver aus Plastik. Kein Tropfen Blut, keine Schlachtabfälle besudeln den Boden. Superhygienisch.

In den Gängen verhandeln Zwischenhändler, Metzger und Restaurantbesitzer mit den Verkäufern der Kontore. Jede Fleischerei im Land wird sich an diesem Tag nach den hier verabredeten Preisen richten. BSE ist seit zwölf Jahren im Land. Der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche liegt drei Wochen zurück. Das Geschäft blüht. Auf der Auslage der Firma Terry & Fisher Ltd. steht ein handgeschriebenes Pappschild: »Nehmen Sie bitte darauf Rücksicht, dass unsere Angestellten keine Ausbildung in Erster Hilfe haben. Vermeiden Sie deshalb Ohnmachtsanfälle, wenn wir Sie über unsere Preiserhöhungen unterrichten.«


Bei Absalom & Tribe Ltd. ist Schweinefleisch um die Hälfte teurer als vor einer Woche. Für Lammfleisch, das für 1,10 Pfund pro Kilo zu haben war, muss man jetzt 2 Pfund bezahlen. Ein chinesischer Restaurantbesitzer erkundigt sich nach dem Preis einer schottischen Rinderlende. 67,58 Pfund für 7,8 Kilogramm. Ein Kilopreis über 26 Mark. Der Chinese winkt lachend ab. Der Verkäufer gesteht leutselig ein, die Händler hätten sich in den letzten Wochen eine goldene Nase verdient. »Knappes Angebot, rapide gestiegene Nachfrage, hoher Preis. So funktioniert der Markt.«

Im Central Cafe, einem Frühstücksrestaurant mit blauen Resopalwänden, gelben Resopaltischen und von Kondenswasser angelaufenen Scheiben in der Westhalle, lässt sich ein Metzger geräuschvoll auf einen Stuhl fallen. Bestellt zur Stärkung eine Tasse Tee. Ein knappes Angebot? »Unsinn! Es gibt alles. Rind, Lamm, kein Problem. Heute wurde tonnenweise Schweinefleisch aus Irland und Holland angeliefert. Aber die Preise! Und die Qualität! Die Holländer laden ihren ganzen Mist ab, den sie sonst nicht loswerden.«

Also ist's die Nachfrage? Allerdings. Zwar stellte die Süddeutsche Zeitung vergangene Woche die rhetorische Frage: »Was, bitte schön, kann man im Reich Ihrer Majestät der Königin eigentlich noch essen? Ein saftiges Beefsteak? 92 Fälle der tödlichen neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, der menschlichen Variante des Rinderwahns, sprechen dagegen. Eine Hammelkeule? Ist auch nicht ganz unproblematisch, weil man nämlich nicht weiß, ob der Rinderwahn nicht womöglich schon auf die Schafe übergesprungen ist. Ein schönes Schweinefilet? Da muss einer schon ziemlich hart gesotten sein, wenn er das in diesen Tagen noch mit gutem Appetit verputzt.«


Doch die Mehrheit der Briten besteht nicht aus besorgten Journalisten. Die Fleischabteilungen der Supermärkte machten am Wochenende bessere Umsätze als vor Weihnachten. Jedermann beschwert sich über die Wucherpreise. Dem Kaufrausch tut das keinen Abbruch. Meine Frau erstand bei unserem Metzger drei T-Bone-Steaks, sechs Lammkoteletts und ein Schweinefilet für über 40 Pfund - das sind umgerechnet 130 Mark. Für den Fall einer Verknappung, wenn die Kinder zu Ostern nach Hause kommen. Sie selbst ist Vegetarierin. Ein Nachbar erzählte mir, seine Frau drängte ihn, Hühner- und Schweinefleisch aus der Stadt mitzubringen, obwohl seine Tiefkühltruhe bis obenhin voll mit eigenproduziertem Rindfleisch ist. Ein Verkäufer der J. F. Edwards Ltd. im Smithfield Market berichtet, seine bessere Hälfte habe ihn gebeten, Schinkenspeck mit nach Hause zu bringen. »Dabei essen wir nie Schinkenspeck. Aber sie dachte, vielleicht gibt es bald keinen mehr, da decken wir uns lieber ein.« Er setzt lachend hinzu: »So sind wir Briten nun einmal.«

Heute Morgen haben viele Händler sich trotzdem verkalkuliert. Britisches Fleisch geht zur Neige. Philip Andrade, Chef der Firma D. Andrade & Sons Ltd., ließ deshalb extra viel Schweinefleisch aus dem Ausland kommen. Kurz vor Marktschluss sitzt er immer noch auf der Hälfte seiner Ware. Für den nächsten Tag hat er erst einmal alle Lieferungen abbestellt. Ein bisschen künstliche Verknappung kann nicht schaden. Das Fleisch wird in den Kühlräumen nicht schlecht. Andrade liebäugelt auch mit dem Gedanken, die holländische Fracht zurückzuschicken. Das Fleisch sei zu fett.

Das Fett im Fleisch ist das geringste Problem. Die Händler trauen ihrem unverhofften Glück nicht mehr. Der Aktionismus der Minister, der Verbraucherschützer und Seuchenexperten bescherte ihnen den größten Geldsegen seit Jahren. Doch wie lange werden die Panikkäufe anhalten? Wird das durch den Dauerbeschuss mit Katastrophenberichten von der Maul- und Klauenfront agitierte Volk plötzlich zu seiner gewohnten Unaufgeregtheit zurückfinden? Sind alle Tiefkühltruhen voll? Wird der Markt sich so schnell beruhigen, wie er verrückt geworden ist? Die Großhändler möchten ihre schnellen Gewinne nicht wieder verspielen. Die Zwischenhändler und Metzger fürchten, dass sie die Letzten sind, wenn die Musik zu spielen aufhört, und dass sie ihr Fleisch dann für weniger Geld losschlagen müssen, als sie dafür bezahlt haben.

Ein kleiner Mann mit fidelen Gesichtszügen und dem Wappen der Corporation of the City of London auf dem Helm wandert von einem Kontor zum nächsten, erkundigt sich nach dem Lauf der Dinge, macht Notizen. Die muntere Miene verbirgt, dass er am liebsten schimpfen würde wie ein Rohrspatz. Nur seine guten Manieren hindern ihn daran. Er heißt John Mann, ist Veterinär und Oberaufseher des Marktes und möchte eigentlich mit einem deutschen Reporter gar kein Wort wechseln.

Der Grund dafür ist ein Professor namens Hanns Ludwig, Virologe an der Freien Universität Berlin. Der wurde im Daily Telegraph mit der Behauptung zitiert, England nehme die Gefahr menschlicher Infektion durch die Maul- und Klauenseuche nicht ernst genug, und er könne nicht ausschließen, dass das wahre Ausmaß tierischer Infektionen auf der Insel verheimlicht werde. »Der Professor hat offensichtlich keine Ahnung, wovon er redet«, zieht der Mann vom Leder. »Man kann die Seuche gar nicht verheimlichen, sie ist viel zu infektiös.«

Und wo er schon mal so viel gesagt hat, kommt er nun doch in Fahrt und schüttet sein Veterinärherz aus. Mit dem Fleisch gebe es nämlich überhaupt kein Problem. Der Virus, der die Seuche verursache, überlebe die Schlachtung nicht, wegen des bei der Totenstarre im Muskelgewebe entstehenden Säuregehalts. Er überdauere nur im Knochenmark. Deshalb dürfe Fleisch am Knochen aus Afrika, aus Asien und Südamerika, wo die Seuche endemisch sei, nicht in die EU eingeführt werden.

Aber man müsse sich trotzdem damit abfinden, dass Viren immer mal wieder irgendwie nach Europa gelangen, das könne man gar nicht verhindern. Darum gelte es, empfängliche Tiere auf alle erdenkliche Weise vor einer Ansteckung zu schützen. An der gegenwärtigen Epidemie sei die weite geografische Ausbreitung bedrohlich. Die Zahl der Ansteckungen sei relativ gering, bisher knapp über 100 Fälle. In den fünfziger Jahren, die viele Zeitungen jetzt als die Zeit einer »heilen Bauernwelt« beschwören, habe es immer mal wieder ein paar hundert, manchmal einige tausend Erkrankungen gegeben. Da habe man dann geimpft, und die Seuche verschwand. Aber wenn Seuchen und Politik vermengt werden, ergebe das eben immer ein schlimmes Gemisch.

Auch BSE, macht der zunehmend besser aufgelegte Tierleichenbeschauer seinem Herzen weiter Luft, sei eine relativ seltene Krankheit. Eine viel kleinere Gefahr als durch mangelhafte Hygiene verursachte Fleischvergiftungen durch Coli-Bakterien. Davon spreche niemand, obwohl viel mehr Menschen an Coli-Bakterien stürben als an BSE. »Das ist wie mit der Angst vorm Fliegen. Die Autofahrt zum Flughafen ist gefährlicher als der Flug. Aber jeder fürchtet sich vor einem Absturz.«

Sagt's, und macht sich auf den Weg durch die superhygienischen Hallen. Verschwindet zwischen den in Kühlräumen hängenden Tierleibern, die so ebenmäßig aussehen, als kämen sie aus einer Marzipanfabrik. Serienfertigung made in Ireland, made in Holland, made in France. Bald, glaubt ein Händler, wird es Rinder und Schafe made in Britain auch wieder auf dem Kontinent geben. »Da können die Europäer gegen unser Fleisch zu Felde ziehen, wie sie wollen. Über den Preis kommt das alles wieder in Ordnung. Das haben wir bei BSE gesehen. Das wird dieses Mal genauso sein.«






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