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R I N D E R W A H N

Die Spur der Prionen

Forscher wollen BSE im Blut lebender Rinder nachweisen

Von Michael Hagmann

BSE, Schweinepest, Maul- und Klauenseuche: Um die Gesundheit von Europas Nutztieren ist es momen- tan nicht gut bestellt. Die Tierseuchen machen selbst aus ehemals überzeugten Fleischfressern Vegetarier. Der menschlichen Form von BSE, der so genannten neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) - laut gängiger Expertenmeinung durch den Verzehr von verseuchtem Rindfleisch übertragen -, sind seit Mitte der neunziger Jahre rund 90 Menschen zum Opfer gefallen. Und Ende vergangenen Jahres ist BSE nun auch auf bis dahin "BSE-freie" Länder übergeschwappt.

Um das volle Ausmaß der vCJK-Epidemie abzuschätzen, aber auch um BSE-befallene Rinder aus dem Verkehr zu ziehen, bevor diese als Wurst oder Schnitzel auf unseren Tellern landen, wäre ein BSE-Frühtest vonnöten, der infizierte Tiere (und Menschen) vor dem Ausbruch der Krankheit aufspürt. Diesem Ziel sind britische Forscher nun einen Schritt näher gekommen, denn sie haben eine Veränderung in Blutzellen entdeckt, die ausschließlich bei BSE-infizierten, nicht aber bei gesunden Tieren auftritt.

Der Test soll auch menschliche Blutkonserven sicherer machen

Seit rund zwei Jahren sind bereits BSE-Schnelltests im Umlauf, mit denen innerhalb der Europäischen Union vom 1. Juli an alle geschlachteten Rinder, die älter als 30 Monate sind, überprüft werden müssen. Die drei von der EU derzeit zugelassenen Tests zielen darauf ab, das infektiöse Eiweiß, das so genannte Prionprotein, in Gehirnproben von befallenen Tieren nachzuweisen. Daher lassen sich diese Tests - sowie fünf weitere, die zurzeit geprüft werden - lediglich an bereits geschlachteten Tieren anwenden. Außerdem können die Tests BSE frühestens sechs Monate vor den ersten Symptomen aufspüren, eignen sich also kaum zur Früherkennung der Krankheit, die laut Experten während mehrerer Jahre ohne jegliche äußere Anzeichen verläuft.

Das Ziel der Prionenforscher ist daher ein einfacher, schneller Bluttest, ähnlich einem HIV- oder Diabetestest. Ein solcher könnte sich dank neuester Erkenntnisse von Michael Clinton und seinem Team am Roslin Institute in der Nähe von Edinburgh entwickeln lassen. Wie die Forscher in der Märzausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature Medicine berichten, konnten sie in experimentell mit Prionen infizierten Mäusen und Hamstern eine Veränderung in den Vorläuferzellen der roten Blutkörperchen nachweisen.

Im Gegensatz zu gesunden Tieren drosseln diese Zellen in infizierten Nagetieren die Produktion eines Eiweißes namens EDRF, und zwar bereits lange bevor Krankheitssymptome sichtbar werden. Und: An BSE-erkrankten Rindern sowie Schafen, die an einer ähnlichen Krankheit - Scrapie - litten, zeigten sich die gleichen Veränderungen. Ob dies auch bei vCJK-Patienten der Fall ist, sollen künftige Studien zeigen. "In den vergangenen drei Monaten haben wir uns um Blutproben von Patienten bemüht. Jetzt dürfen wir endlich die Untersuchungen durchführen", sagt Clinton.

Dabei müsse auch geklärt werden, ob eine verminderte EDRF-Produktion ein eindeutiger Nachweis für BSE und ähnliche Erkrankungen ist oder "ob dies auch bei anderen nervenschädigenden Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson auftritt".

Trotz dieser Unklarheiten zeigen sich Experten vorsichtig optimistisch. "Der Ansatz ist äußerst interessant", sagt etwa Hans Kretzschmar, Prionenforscher an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ob sich die Resultate aber auf einen Test beim Menschen übertragen lassen, sei noch offen. "Da hat man in der Vergangenheit schon einige Denkfehler gemacht", gibt Kretzschmar zu bedenken. Sollten aber auch vCJK-Patienten die Veränderung zeigen, "dann könnte sich EDRF als guter diagnostischer Marker erweisen", glaubt auch Adriano Aguzzi, Prionenforscher vom Universitätsspital Zürich.

Doch noch ist es nicht so weit. Clinton selbst dämpft die Erwartungen. So sei das Wesentliche an seinen Ergebnissen nicht, ob sich daraus dereinst ein BSE-Bluttest entwickeln lasse. Viel wichtiger sei ein besseres Verständnis des Krankheitsverlaufs. "Sollte sich herausstellen, dass die Vorläufer der roten Blutkörperchen für das Fortschreiten der Krankheit von Bedeutung sind", so Clinton, "dann könnte man anfangen, Therapien zu entwickeln, die an diesen Zellen angreifen" - und so die bislang unbehandelbare Krankheit bereits im Keim ersticken. Wenn dabei ein BSE-Test als "Abfallprodukt" herausspringt - umso besser. Aber: "Einen solchen Test haben wir noch lange nicht", warnt Clinton.

Dringlich wären BSE-Bluttests vor allem zur Überprüfung von Blutkonserven. "Denn obwohl noch nicht geklärt ist, ob vCJK durch Bluttransfusionen übertragen werden kann, will man die Spenden von vCJK-Patienten natürlich eliminieren", sagt Markus Moser von der Zürcher Firma Prionics, Marktführer in Sachen BSE-Tests und Hersteller einer der drei EU-zertifizierten Gehirntests. In Zusammenarbeit mit Roche haben die Prionics-Forscher vor kurzem begonnen, selbst einen Bluttest zu entwickeln.

Angesichts derart lukrativer Aussichten mischen auch andere Pharmafirmen im Wettlauf um einen Bluttest kräftig mit. Erst im Dezember hat etwa Boehringer Ingelheim mit der Ankündigung für Schlagzeilen gesorgt, einen solchen noch dieses Jahr auf den Markt zu bringen. Da die "Sensationsmeldung" aber eher in der Marketing- denn in der Forschungsabteilung ihren Ursprung nahm, "ist mit der Markteinführung nicht vor 2002 zu rechnen. Wenn alles glatt läuft", formuliert Firmensprecher Ulrich Bock nun etwas vorsichtiger.

Und auch aus der akademischen Ecke kommen ermutigende Ergebnisse: Im November hatte Aguzzis Team, zusammen mit Forschern der Firma Baxter, ein Eiweiß entdeckt, welches ebenfalls als Grundlage für einen Bluttest dienen könnte. Das Bluteiweiß Plasminogen bindet ausschließlich an die krankhaft veränderte, nicht aber an die normale Form des Prionproteins. Erst am vergangenen Mittwoch sind Aguzzi von der Schweizer Regierung 1,1 Millionen Franken zur Verfügung gestellt worden, damit er einen Bluttest entwickeln kann. In zwei bis drei Jahren soll der Test vorliegen.

Kretzschmar, der Leiter des Deutschen Referenzzentrums für die Erkrankungen des Zentralen Nervensystems und eines der Vorstandsmitglieder des neu gegründeten BSE-Forschungsverbunds, der von der bayerischen Staatsregierung im Januar mit zehn Millionen Mark aus der Taufe gehoben wurde, arbeitet in München ebenfalls an einem Früherkennungstest für Prionenerkrankungen. Er möchte die verklumpten Prionen, die vermutlich den Nervenzellen im Gehirn letztlich den Garaus machen, mit einem fluoreszierenden Farbstoff sichtbar machen. Dies ist ihm in der Rückenmarksflüssigkeit von CJK-Patienten bereits gelungen. "Bis der Test allerdings empfindlich genug ist, um die Krankheitserreger auch im Blut aufzuspüren, wird es noch eine ganze Weile dauern", sagt Kretzschmar.

BSE, so scheint es einmal mehr, ist kein Forschungsgebiet für Ungeduldige.


(c) DIE ZEIT   11/2001   


 



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