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P E E R - T O - P E E R
Eine Prise Anarchie
Napster ist Geschichte. Aber die Idee von Tauschbörsen im Netz hat Zukunft. Eilig entwickeln Start-ups und Konzerne Software für den neuen Markt Von Götz Hamann Bringen die Anwälte Napster zur Strecke, dann ..., ja, was eigentlich. "Ein Jahr noch, dann benutzen 20 Millionen Surfer mein Aimster", sagt Johnny Deep. Nichts fürchtet die Musikindustrie mehr als einen Mann wie ihn. Seit Monaten bekämpft sie Napster, die beliebteste Tauschbörse für Musik im Internet, weil deren Nutzer alles kopieren, was sie gerade hören wollen - ohne zu zahlen. Nun ist Napster endlich so weit, klein beizugeben und rechtlich geschützte Lieder vom Tausch auszuschließen. Da kommt ein Harvard-Absolvent, der Klavier gespielt und am Computer gesessen hat, dabei aber nie richtig studierte. Lernt ein paar Programmierer kennen und entwickelt mit ihnen Aimster. Nichts ist damit leichter und bequemer, als Musik zu kopieren. Aimster kann noch mehr. Setzt ein Unternehmen die Software ein, kann jeder Mitarbeiter die Festplatten seiner Kollegen nach Dokumenten durchstöbern - zumindest den Teil, der zuvor als öffentlich definiert wurde. Was bisher nur mit viel Aufwand gelingt, entsteht so im Nu: der dezentrale Zugang zum kollektiven Wissen des Unternehmens. Gerissener Dieb oder genialer Soft-warearchitekt - Johnny Deep hat ein Janusgesicht. Peer-to-Peer könnte die nächste Evolutionsstufe des Internet sein Der Mann aus dem US-Bundesstaat New York ist nicht allein. Immer mehr Gründer ergreifen die wirtschaftlichen Chancen von "Peer-to-Peer", dem technischen Prinzip hinter Napster und Aimster. Mehr als hundert sollen es schon sein. Ist Peer-to-Peer die nächste Modewelle im Internet? Noch drückt der Prozess gegen Napster auf die Stimmung in den Start-ups, und viele Geschäftskonzepte sind vage. Trotzdem sei "jetzt die Zeit zu investieren", sagte Bill Joy dem Branchendienst O'Reilly Network vor ein paar Tagen. Joy ist Chefstratege des Konzerns Sun Microsystems, der leistungsstarke Computer für die technische Infrastruktur des Internet herstellt. Für Joy ist Peer-to-Peer, kurz p2p, die nächste Evolutionsstufe des Internet. Mit der Technik kann man Informationen und Rechnerleistung miteinander teilen. Geschieht das massenhaft, dann könnten die ans Internet angeschlossenen Rechner zu einem Supercomputer zusammengeschlossen werden oder die Festplatten zu einem gigantischen Archiv. Auch in kleineren Dimensionen wäre das Ganze mehr wert als die Summe seiner Teile. Am Anfang der Innovation stand die Suche nach außerirdischem Leben. 1998 schrieben Wissenschaftler an der Berkeley-Universität in Kalifornien das Programm SETI@home. Heute helfen auf dieser Grundlage mehr als zwei Millionen Freiwillige; sie bekommen aus Berkeley kleine Portionen der gigantischen Datenmenge zugeschickt, die ein Weltraumteleskop auf seiner Suche nach fremder Intelligenz im All sammelt. Die einzelnen Rechner analysieren die Daten automatisch und schicken sie samt Analyse zurück. SETI@home war so erfolgreich, dass die kombinierten Rechner nach ein paar Monaten schneller waren als der größte Supercomputer der Welt. Die Gründer der texanischen Firma United Devices gehören zu den Pionieren des distributed computing, der Verteilung von Arbeit auf viele Rechner. "Die ans Internet angeschlossenen Computer werden nur zu fünf Prozent ausgenutzt. Andererseits brauchen manche Branchen unglaublich viel Rechnerleistung", sagt David McNett, einer der Entwickler. Sein Unternehmen will als Händler für freie Rechnerleistung auftreten und beispielsweise Bioinformatiker bedienen. Noch zögern die ausersehenen Kunden, sensible Daten in fremden Unternehmen bearbeiten zu lassen. McNett argumentiert, dass die Daten in kleine Portionen zerlegt würden, von denen niemand auf das Ganze schließen könne. "Seit Jahren versuchen Hacker, Projekte wie SETI@home oder Distributed.net zu manipulieren. Jeden Tag. Aber ohne großen Erfolg. Wir haben also viel Erfahrung, wie man ein dezentrales Netzwerk schützt," sagt McNett. "Die ersten Kunden sind fast überzeugt." Andere Start-ups organisieren den Zugriff auf kollektives Wissen. Seit den Anfängen des Computerzeitalters schicken Wissenschaftler einander Aufsätze auf elektronischem Weg, Freunde einander Bilder. Jetzt können sie sich die Dateien selbst suchen. Es liegt daran, wie Peers (Gleichberechtigte) zueinander kommen: Sie müssen nur alle das gleiche kleine Programm auf ihren Rechner laden, um Teile seiner privaten Festplatte für andere zu öffnen. Wenn ein Mitglied dieser losen Gemeinschaft einen Musiktitel gespeichert hat, können die anderen darauf zugreifen: Es verbreitet sich in Windeseile. So die Theorie - im realen Leben nutzt die Mehrheit der Surfer das Netzwerk, ohne die eigene Festplatte zu öffnen. Aber das Prinzip funktioniert dank der offenherzigen Minderheit trotzdem. Die neuesten Lieder werden 30 000-mal im Monat kopiert Öffentliches Aufsehen erregt Peer-to-Peer vor allem, wenn es um den wirtschaftlichen Existenzkampf jener Branchen geht, die Urheberrechte erwerben und weiterverkaufen - wie der Musikindustrie. Das Napster-Prinzip zerstört ihr Geschäftsmodell. Digitalisierte Musik, Texte, Bilder, Filme sind dann kostenlos zu haben. Die Konzerne versuchen nach Kräften, die Tausch- und Kopierbörsen verbieten zu lassen oder ihren Betrieb zu stören. "Am Ende wird es das sichere, legale Internet und einen Rotlichtbezirk geben - wie in jeder großen Stadt", sagt der prominente Trendforscher Ossi Urchs. Allein Napster-Nutzer schickten zuletzt monatlich 1,8 Milliarden kopierte Lieder über die weltweiten Datenleitungen. Der Preis: zero. Eminem, Madonna oder das Köln Concert von Keith Jarrett - Tests der Musikindustrie belegen, dass die beliebtesten Lieder monatlich zwischen 30 000- und 40 000-mal kopiert werden. In Deutschland benutzen rund 1,2 Millionen Menschen das kleine Kopierprogramm. Höchst im Odenwald ist nicht gerade ein Ort, aus dem die Musikindustrie Hilfe erwarten würde. Doch dort programmieren Die Brüder Björn und Mirko Hartmann unter dem Arbeitstitel Spice Weasel ein Peer-to-Peer-Programm, mit dem es möglich sein soll, für Bilder, Töne oder eben Musik eine Gebühr zu erheben. Der Clou: Damit kein Käufer frustriert von dannen zieht, wenn er bezahlt hat und dann sein Computer abstürzt, erkennt das Programm automatisch, wo es wieder ansetzen und die Datei vervollständigen muss. Die große Frage lautet: Wie wollen die Gründer überhaupt Nutzer in das Netz von Spice Weasel locken? Erstens mit Inhalt, sagen die Hartmann-Brüder und hoffen erst einmal auf das Bildarchiv des Burda-Verlages. Der hält inzwischen die Mehrheit an dem Start-up und könnte dazu beitragen, aus Spice Weasel zunächst einmal eine Bilderbörse zu machen. Zweitens wollen die Gründer ihre Nutzer mit Geld ködern. Wenn ein User seine rechtlich einwandfrei erworbenen Songs zur Verfügung stellt und andere sie herunterladen, dann bekommt nicht nur die Plattenfirma dafür Geld. Ein kleiner Teil fließt an den, von dessen Computer das Lied kommt. Ideen wie diese funktionieren aber nur, wenn die bekanntesten Tausch- und Kopierbörsen geschlossen oder verändert werden. Nach den gerichtlichen Votum gegen Napster "werden Prozesse gegen Nachahmer viel schneller entschieden sein", glaubt Dietmar Schlumbohm vom Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft. Gilt das auch für die Aimster-Software von Johnny Deep? Daran glaube er nicht, sagt der Unternehmerpirat aus dem Bundesstaat New York. "Die Inhalte unserer Nutzer sind verschlüsselt. Wir wissen nicht, was sie tauschen, machen uns also wissentlich keiner Urheberrechtsverletzung schuldig. Wer will uns belangen?" Sagt es und zitiert eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes der USA.
(c) DIE ZEIT 11/2001
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