Napster erneut unter Druck

Nico Haupt
21.04.2000
Doch es entstehen bereits immer mehr Alternativen zu Napster und MP3, die der Musikindustrie das Leben schwer machen könnten
Napster, die Tracker-Suchmaschine von Shawn Fanning (27), steht erneut unter Beschuss. Nachdem der nach New York aus Boston zugezogene Programmierer schon von Seiten der Musikindustrie, der IFPI, RIAA und anderen Musikvereinigungen attackiert wurde, schien zunächst der meiste Wind aus den Segeln genommen worden zu sein. Selbst Universitäten ließen ihre Sperrprogramme wieder entfernen. Jetzt aber geht auch der US-Rapper Dr. Dre ähnlich wie Gruppe Metallica gegen Napster vor. Bis Freitag sollen nach seiner Aufforderung sämtliche Tracks von ihm entfernt werden, sonst droht Napster eine Klage.
Die Entfernung aller Files von Dr. Dre würde jedoch einer Sisyphusarbeit entsprechen, da die Suchergebnisse immer von aktuellen IP-Adressen erzeugt werden, die von außen den Server anwählen. Eine mögliche technische Variante wäre, den Begriff Dr. Dre zu indexieren, ähnlich wie dies bei Filtersoftware wie Net Nanny oder Cyber Patrol gemacht wird. Der Effekt lässt sich schon jetzt erahnen. Die Napster-Benutzer würden den Rapper einfach umnennen in ähnliche Schreibweisen oder irgendwelche geheimen Kürzel verwenden. Und das könnte den Trend verstärken, in den "Untergrund" zu gehen, der sicherlich für die Plattenindustrie nicht wünschenswert wäre, die ihre A&R Manager schon mal selber bei Napster auftauchen lassen, um zu sehen, "wie gut" ihre Künstler laufen. Unter vorgehaltener Hand gilt Napster sogar als erfolgreicher Merchandising- und PR-Apparat, der nur eine weitere Remixisierung anheizt.
Napster ist nach wie vor nicht allein, nachdem schon Jahre zuvor Tracks im IRC , über ICQ oder Hotlines ausgetauscht wurden, und seit einigen Wochen gibt es nun zudem
Gnutella als Open Source, die keinen statischen Eingangsserver benötigt. Mittlerweile gibt es auch einige andere Programme, die auf der Grundlage von Napster entwickelt wurden. ast alle enden mit ...apster. Crapster codiert z.B. exe-Files und hängt sich an Napster an. Pakster bereitet diese vor.
Neben Napster gibt es weitere Tracker wie cuteMX, scour oder Imesh, die neben MP3s auch andere Formate als einlagern können. Mit
www.mixvibes.com gibt es überdies die ersten MP3 Real Time Mixer, die einen Track sofort verfremden, filtern oder remixen können. Bei Luvvyplex (ex-pseudo.com), Manhattan, wurde jüngst die erste Live-Performance gestartet . MP3s lassen sich herunterladen, remixen, bescratchen, im ChatTalk anpreisen und wieder innerhalb einer halben bis zu einer Stunde zurückzuschicken.
Auch der Trend zum MP3-Streaming setzt sich fort. Mit kostenlos erhältlichen Scripts kann sich jeder seine Liste zusammenstellen (m3u) und als "Radiosendung" irgendwo einspeisen. Zu den spannendsten neuesten undergroud Radioplattformen gehört etwa
www.Live365.com. Außerdem entsteht neue Konkurrenz für MP3 bekommt. Mindestens drei bis vier Alternativtechnologien sind derzeit in Planung.
Die Musikidustrie scheint dies jedoch weltfremd zu ignorieren. Sie lassen Gesetze vorbereiten, die zwischengespeicherte IP-Adressen auf Trackern zu kriminellen Vereinigungen erklären wollen, unbeachtet der Tatsache, dass diese IPs von Anonymous-Servern oder Sammelportalen kommen oder mit Scramblern zufallserzeugt gesteuert werden könnten.
Ironischerweise wurde übrigens Rapper Dr. Dre jüngst wegen einer Urheberrechtsverletzung von Lucasfilm angeklagt. Das Unternehmen behauptet, Dre habe "THX Deep Note" für sein letztes Album verwendet. Dre habe zwar um Genehmigung für die Benutzung gefragt, diese aber nicht erhalten, und die Musik dann dennoch einfach verwendet.