Neue Fälle von Maul- und Klauenseuche
Fieberhafte Bemühungen zur Eindämmung in England
pgp. London, 26. Februar
Die Hoffnungen, dass sich die Maul- und Klauenseuche in England rasch eindämmen lässt, haben sich nicht erfüllt. Am Montag sind, wie Landwirtschaftsminister Brown im Unterhaus offiziell bekannt gab, mindestens fünf neue Fälle festgestellt worden. Insgesamt ist die Seuche damit an zwölf Orten aufgetreten, und zwar an den entferntesten Ecken des Landes: Northumberland und Tyne and Wear im Norden, Herefordshire im Westen, Devon und Wiltshire im Südwesten, Essex im Südosten.
Erinnerungen an 1967
Der Herd der Seuche liegt offenbar in einer Schweinefarm in Northumberland. Dort sind laut Zeitungsberichten aus dem Ausland stammende Fleischabfälle von Fluggesellschaften verfüttert worden, die das Virus enthalten haben könnten. Schweine aus diesem Betrieb wurden in ein Schlachthaus in Essex transportiert, wo bei ihnen die Krankheit am Montag letzter Woche erstmals festgestellt worden war. In den Südwesten und Westen scheint die Seuche durch Schafe gelangt zu sein, die ein Grossbauer und Viehhändler aus Devon in der Nachbarschaft des Herds der Seuche in Northumberland kaufte. Dieser hat in der möglichen Inkubationszeit Schafe auch auf das europäische Festland ausgeführt; entsprechend warnten am Wochenende die britischen Behörden andere Regierungen.
Mit radikalen Massnahmen versucht die Regierung, eine Wiederholung der katastrophalen Seuche von 1967 zu verhindern, als fast eine halbe Million Tiere notgeschlachtet wurde und sich der Schaden nach heutigem Geldwert auf über anderthalb Milliarden Pfund belief. Anders als damals ist sofort jede Bewegung von gefährdeten Tieren in ganz Grossbritannien verboten worden. Diese Massnahme verhinderte 1981 die Ausbreitung der Seuche von der Isle of Wight auf andereGebiete des Landes. In den zum Sperrgebiet erklärten betroffenen Farmen werden alle Tiere notgeschlachtet und deren Kadaver verbrannt. Die Spur aller Tiere, die sich infiziert haben könnten, wird zurückverfolgt; bei einer Inkubationszeit von bis zu drei Wochen eine riesige Detektivarbeit. Jeder Export von Vieh, Fleisch und Milchprodukten ist unterbunden. Behörden und Bauernverbände haben an die Bevölkerung appelliert, Ausflüge aufs Land zu unterlassen Sie raten auch Journalisten von Recherchen an Ort und Stelle ab. Tierparks und Naturschutzgebiete sind für Besucher geschlossen worden. Das Militär beschränkt seine Übungen aufs Notwendigste. Zahlreiche Sportanlässe, Pferderennenbeispielsweise, sind gefährdet. Die Lebensmittelverteiler haben von Hamsterkäufen abgeraten, die zu Fleischknappheit und Preissteigerungen führen könnten.
Geplagte Landwirtschaft
Obwohl die Regierung vollständige Kompensationszahlungen leistet, hadern die betroffenen britischen Bauern verständlicherweise mit demSchicksal, das ihnen seit 1986 bereits den Rinderwahnsinn, letztes Jahr die Schweinepest und seitsechs Monaten häufige Überschwemmungen beschert hat. Einmal verlorene Märkte sind schwerwieder zu erobern. Die Einkommen in der Landwirtschaft sind nach Angaben der NationalFarmers' Union seit 1997 um 72 Prozent gesunken. Für den 18. März hatte die CountrysideAlliance, eine Pressure Group, in der sich Landbewohner und Anhänger der Hetzjagd vereinigthaben, einen Marsch nach London geplant. Dieser ist jetzt abgesagt und auf den Mai verschoben worden. Der Regierung kommt das gelegen, denn bis dahin dürften die Unterhauswahlen, bei denen die Landlobby für Labour und Premierminister Blair einen der wenigen Risikofaktoren darstellt, über die Bühne gegangen sein.