Rinderwahnsinn
SZ vom
27.1.2001, Dokumentation
Schwankender
wissenschaftlicher Boden
Noch immer gibt es keine eindeutigen Erkenntnisse
über die Entstehung von BSE und Creutzfeldt-Jakob / Von Claudia Wessel
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Symptome wenig
eindeutig
Sozialer Rückzug, Depressivität,
Merkstörungen - mit diesen Symptomen beginnt die
Creutzfeldt-Jakob-Krankheit.
Weil diese Anzeichen den Symptomen der
Alzheimer Krankheit ähneln, ist es manchmal nicht einfach, die beiden
Krankheiten zu unterscheiden. Darauf wies Professorin Sigrid Poser, Leiterin
der Forschungsgruppe zur Epidemiologie und Frühdiagnose der
Creutzfeldt-Jakob-Krankheit an der Universität Göttingen, hin.
Klarer wird die Diagnose erst, wenn weitere neurologische Symptome
hinzu kommen: Seh- und Gangstörungen (Ataxie), Muskelzuckungen
(Myoklonien) sowie im Endstadium der akinetische Mutismus: Die Patienten liegen
starr im Bett und können nicht mehr kommunizieren.
Sporadisch und genetisch
Zwischen der
sporadischen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK), die seit den 1920er
Jahren bekannt ist, und BSE gibt es keinen nachweisbaren
Zusammenhang.
Poser erfasst und untersucht mit ihrer Forschungsgruppe
nur diese Form der CJK, die es in wiederum drei verschiedenen Ausprägungen
gibt.
In zirka zehn Prozent der Fälle beispielsweise wird sie von
einer Generation an die nächste vererbt: Alle Patienten weisen eine
bestimmte Mutation des Prionprotein-Gens auf.
Die sporadische CJK tritt
vorwiegend im fortgeschrittenen Lebensalter auf. Von 675 in Göttingen
gesicherten Fällen waren 276 Patienten im Alter zwischen 60 und 69 Jahren,
200 im Alter zwischen 70 und 79 Jahren und 140 zwischen 50 und 59 Jahre alt.
Nur 20 Patienten waren 40 bis 49 Jahre alt, acht waren zwischen 30 und 39 und
nur zwei zwischen 20 und 29.
Die neue
Variante
Ganz anders verhält es sich bei der sogenannten
neuen Variante der CJK, welche bisher überwiegend in England
beobachtet wurde (etwa 90 Fälle).
In Deutschland ist bisher noch
kein einziger Fall der neuen Variante bekannt geworden. Diese Form trifft
vorwiegend jüngere Patienten, welche etwas länger überleben als
die Menschen mit sporadischer CJK: Mit der neuen Variante lebt man
durchschnittlich noch 13 Monate. Auch ist die Symptomabfolge eine andere: Am
Anfang stehen psychiatrische Symptome; es folgen Gefühlsstörungen;
anschließend treten Gedächtnisstörungen auf.
Beide
Krankheitsformen verlaufen tödlich. Die neue Variante der CJK wird, anders
als die sporadische, in direkte Verbindung mit BSE gebracht. Zwar gebe es
bisher auch darauf nur indirekte Hinweise, so Professor Hans A.
Kretzschmar, Vorstand des Instituts für Neuropathologie, doch diese
könnten kaum eindeutiger sein. Angenommen werde eine relativ lange
Inkubationszeit: von 15 bis zu 20 Jahren.
Sichere Diagnose erst posthum
Endgültige
Sicherheit über die Diagnose gibt es übrigens bei den spongiformen
Enzephalopathien (Schwamm-Hirnerkrankungen), zu welchen sowohl die Formen der
CJK als auch BSE gehören, erst nach dem Tode.
Weder am lebenden
Menschen noch am lebenden Tier kann man bisher die Existenz von Prionen
nachweisen, da sie offenbar keine Antikörper bilden. Erst durch eine
Autopsie nach dem Tode können eindeutige Befunde erhoben werden. Dann
allerdings unterscheiden sich beispielsweise die sporadische CJK und die neue
Variante sehr deutlich, erklärte Kretzschmar.
Tests in Testphase
Oskar-Rüger
Kaaden, Professor für Mikrobiologie und Seuchenlehre und Vorstand des
Instituts für Medizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenmedizin
in München, berichtete, dass ein Bluttest für Tiere in Arbeit sei,
der in zirka eineinhalb Jahren auf den Markt kommen solle.
Er
bezweifelte jedoch den Nutzen angesichts der vier- bis sechsjährigen
Inkubationszeit bei Rindern. Die Häufigkeit der sporadischen Form
beträgt, so Privatdozent Thomas Gasser von der Neurologischen Klinik der
Universität München, etwa ein Fall pro eine Million Einwohner pro
Jahr.
An der Neurologischen Klinik München gebe es jährlich
im Durchschnitt drei bis fünf CJK-Patienten. Es gibt bislang keine
Hinweise dafür, dass die Zahl der Patienten mit dieser sporadischen Form
ansteigt.
Theorien über
Theorien
Auch BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) ist eine
Prionenkrankheit.
Ihr Ursprung ist immer noch unklar. Es gibt mehrere
Entstehungstheorien, erläuterte Professor Kaaden. Eine sei die, dass es
BSE schon vor der offiziellen Entdeckung 1985/86 in England in abgemilderter
Form gegeben habe, aus der es sich dann aufgrund der Tiermehlverfütterung
in eine Extremform entwickelt habe.
Eine andere, dass es aus dem Downer
Cow Syndrom, das es in den USA gibt, entstanden sei.
Eine weitere
Entstehungstheorie ist die, dass es durch mit der Schafkrankheit Scrapie
infiziertes Tiermehl ausgelöst worden ist. Meiner Meinung nach ist
BSE ein Beispiel dafür, erklärte Professor Kaaden, wie
Eingriffe des Menschen in die Natur neue Krankheiten erzeugen können. Mit
der Verfütterung von Tiermehl an Rinder hat man aus Pflanzenfressern
Fleischfresser gemacht.
Am Anfang
war das Schaf
Den Entstehungszeitpunkt Mitte der 80er Jahre in
England erklärt man sich so:
Damals stieg die Anzahl der Schafe in
England rapide an, wodurch auch die Anzahl von Scrapie stieg. Gleichzeitig
wurde die Tierkörperbeseitigung privatisiert.
Um
kostengünstiger zu arbeiten, verzichteten die neuen Firmen auf die vorher
übliche starke Erhitzung der Tierkörper, sondern beschränkten
sich auf eine Erhitzung bis zu 80 Grad. Weiterhin verzichteten sie auf die
Fettextraktion.
Beide Maßnahmen sorgten dafür, dass das
Tiermehl mit Scrapie verseucht blieb.
Bisher gibt es insgesamt rund
180000 Rinder in England, bei welchen BSE bestätigt wurde. Die Gesamtzahl
dürfte noch höher sein.
Übertragung durch Bluttransfusion?
Mit
der Frage, ob man durch Bluttransfusionen an der CJK erkranken kann,
beschäftigte sich Professor Wolfgang Schramm, Leiter der Abteilung
für Transfusionsmedizin am Institut für Anästhesiologie der
Universität München.
Bislang gibt es Gott sei Dank noch
keinen Hinweis, konnte er vorausschicken. Man befinde sich in Sachen BSE
derzeit auf einem schwankenden wissenschaftlichen Boden, der ihn an
die Anfänge der HIV-Erkrankung Anfang der 80er Jahre erinnere.
Bisher müsse man sich über Negativmeldungen freuen wie
über die, dass bei keinem der zirka 90 in England an CJK Erkrankten ein
Zusammenhang mit einer Bluttransfusion festgestellt wurde. Dennoch gebe es ein
theoretisches Risiko, auf das man nicht zuletzt durch eine Studie aufmerksam
wurde, die bei Schafen durchgeführt wurde.
Von 19 Tieren, denen
man das Blut infizierter Tiere übertrug, wurde immerhin eines angesteckt.
Unmöglich scheint es also, zumindest im Tierversuch, nicht zu
sein.
Risiko und Nutzen
Wenn
man dies deshalb nicht ausschließen kann, was soll man tun?, fragte
Professor Schramm. Man muss eben Risiko und Nutzen gegeneinander
abwägen. Und derzeit sei das Risiko noch sehr gering im Vergleich
zum Nutzen.
Einige Maßnahmen werden dennoch demnächst
ergriffen, um Blutprodukte sicherer zu machen. So werden bei allen
Blutkomponenten die Leukozyten entfernt, weiterhin werden eventuell
gefährliche Spender (die in den 90er Jahren längere Zeit in England
lebten) von der Blutspende ausgeschlossen. Nicht zuletzt werde Blut immer
sparsamer verwendet.
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