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Rinderwahnsinn
SZ vom 27.1.2001, Dokumentation

Wie sicher ist die Baby-Nahrung?

Fragen aus dem Publikum richteten sich vor allem auf die Gefahr des Fleischverzehrs / Von Claudia Wessel



Wie sicher ist argentinisches Rindfleisch? Ist es heute sicherer als vor einem Jahr, Rindfleisch zu essen? Kann man Gelatine verzehren?


Tipps ohne Gewähr

Die zirka 300 Menschen, die sich im SV-Forum auf dem Gelände der Süddeutschen Zeitung versammelt hatten, waren vor allem an Tipps zur Nahrung interessiert.

Offensichtlich wünschte sich so mancher, von Seiten der Experten die erlösende Antwort oder aber die Aussicht auf baldige Erlösung vom (Rind-)Fleischverzicht zu hören. Doch damit konnten die Fachleute auf dem Podium in vielen Fällen nur „ohne Gewähr“ dienen.

Man weiß eben einfach noch zu wenig über BSE und seine Verbreitungsformen.


Gefahr: extrem gering

Zwar konnte man versichern, dass noch kein argentinisches Rind positiv getestet worden sei. Doch musste auch eingeräumt werden, dass erst bei 100 Tieren überhaupt ein Test gemacht wurde.

„Die Gefahr erscheint extrem gering“, wurde die Antwort schließlich formuliert.

Ob es heute sicherer sei als vor einem Jahr, dem Rindfleisch zuzusprechen, löste ebenfalls ein gewisses Improvisieren auf dem Podium aus. „Nun ja,“ begann Professor Kaaden, „Tiermehl ist ja inzwischen verboten, es gibt die Schnelltests... also möglicherweise ist es schon sicherer. Aber vielleicht sollte doch der Ernährungswissenschaftler... Ich bin mir nicht sicher, ob wir da schon über den Berg sind.“


Wo fängt wann die Zukunft an?

„Natürlich sind wir nicht über den Berg“ warf jemand ein.

Dann sagte Professor Kretzschmar: „Gehirn und Rückenmark werden ja nun nicht mehr verwendet.“

Von Professor Wolfram kam schließlich das wohl entschiedenste Nein auf die Frage der größeren Sicherheit. „Rindfleisch ist noch nicht sicher!“

Ein bisschen vage musste er mit seiner Antwort allerdings bei der nächsten Frage dann auch bleiben: „Ist ökologische Haltung ein Garant für ein niedrigeres Risiko?“ Ganz ausschließen könne man natürlich auch dort eine BSE-Infektion eines Rindes nicht, aber es sei wohl doch anzunehmen, dass die Gefahr geringer sei.


Wann kann man davon ausgehen, dass nur getestetes Fleisch in den Handel kommt, wollte jemand wissen.

Eine etwas weitergreifende Zeitangabe konnte Professor Kretzschmar hier nicht vermeiden: „In Zukunft“, sagte er, „in Zukunft wird alles getestet werden, davon kann man ausgehen.“

Wann genau diese Zukunft beginnt, konnte er allerdings nicht sagen.


Ist Babynahrung sicher?

Wieso werden Rinder, die jünger sind als 30 Monate nicht getestet?, lautete eine weitere Publikumsfrage.

Zum einen aufgrund der bisher sehr geringen Wahrscheinlichkeit einer Infektion, hieß es vom Podium. So seien von den 180000 BSE-Rindern nur 40 unter 30 Monate alt gewesen.

Es liege aber auch an der bisher noch nicht sehr starken Empfindlichkeit der Tests. Mit empfindlicheren Tests, die entwickelt werden, könne man in Zukunft sicher auch Kälber testen.

Wie sicher ist die Baby-Nahrung, wollten besorgte Eltern wissen. Soll man auf Fleisch verzichten?

Der Standard bei Baby-Nahrung sei ja schon immer sehr hoch gewesen, beruhigte Professor Wolfram. Sicher sei, dass nur Muskelfleisch von streng nach Herkunft und Fütterung kontrollierten Biohöfen verwendet werde.


"Essen Sie noch Rindfleisch?"

Kann man Prionenkrankheiten, wie BSE und Creutzfeldt-Jakob welche sind, nicht auch schon therapieren?

Auf diese Frage konnte Professor Kretzschmar antworten, dass es schon gewisse Substanzen, also Medikamente, gebe. Diese seien aber sehr toxisch. Über eine aktive Impfung werde nachgedacht und geforscht. Bis eine solche Therapie jedoch einmal beim Menschen angewandt werden könne, werde es sicher noch Jahre dauern.

Kann man ausschließen, dass Tiermehl ins außereuropäische Ausland exportiert wurde?, fragte ein Besucher der Veranstaltung.

„Leider nein. Vielmehr wurde ganz bewusst Tiermehl aus England in asiatische Länder exportiert, nach Thailand und Malaysia. Von dort gelangte es auf den üblichen Handelswegen (die Formulierung löste überraschte Heiterkeit im Publikum aus) nach Polen und Tschechien.“

Eine Frage begann mit einem Vorspann: „Wenn Sie genug Mut haben, dann wird diese Frage zugelassen“. Diskussionsleiter Christian Schütze bewies diesen Mut und las vor: „Könnte BSE nicht ein Notschrei der Tiere sein, die all die Jahre so schlecht von den Menschen behandelt wurden?“ Diese Meinung eines offensichtlichen Tierrechtlers ließ man im Raume stehen.

Auf die „in die Intimsphäre reichende“ (Schütze) Frage „Essen Sie noch Rindfleisch?“ blieb die Antwort den Experten freigestellt.


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