Rinderwahnsinn
SZ vom
19.01.2001, Politik Forschen im Hochsicherheits-Stall
Auf der Ostsee-Insel Riems soll zu wissenschaftlichen
Zwecken bald eine Herde infizierter Rinder leben / Von Adalbert Zehnder
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Insel Riems Ein Warnschild am engen Zufahrtsdamm
weist schon auf die Gefahr hin. Die Insel Riems an der Ostseeküste
zwischen dem vorpommerschen Festland und der Südspitze der Insel
Rügen ist Tierseuchengesperrtes Gebiet.
Zwei Tage Kontaktverbot mit Tieren
Ein
Blinklicht, das graue Sicherheitstor schiebt sich zur Seite, die Besucher
dürfen sich nur im Konvoi und in Begleitung auf dem Gelände bewegen.
Überschuhe aus Folie, weiße Schutzkleidung. Anschließend zwei
Tage Kontaktverbot mit Tieren.
Schweinepest-, Herpes-, Grippeviren:
mehr als 200 verschiedene Tierseuchenerreger existieren auf der Insel; als
Präparate eingefroren bei Minus 80 Grad in Kunststoffröhrchen oder in
lebenden, von Krankheiten befallenen Tieren.
Ein Entkommen der Erreger ist fast
ausgeschlossen
Auch vier Rinder bei denen BSE-Verdacht besteht,
sind hier unter Quarantäne. Wie für die meisten Erreger gilt
Sicherheitsstufe zwei: mäßige Gefährdung für Mensch,
Tier und Umwelt. Mit diesen Erregern darf nur in sterilen
Werkbänken gearbeitet werden. Es ist so gut wie ausgeschlossen, dass
Erreger aus Labors oder dem Hochsicherheitsstall entkommen können.
Noch in der zweiten Hälfte dieses Jahres wird die Insel Riems Sitz
des derzeit noch in Tübingen ansässigen nationalen Referenzlabors
für BSE und Scrapie werden und zur zentralen Forschungsstätte
für BSE in Deutschland.
Bekämpfung
von Tierseuchen
Die Bundesforschungsanstalt für
Viruskrankheiten der Tiere (BFAV) verlagerte ihren Hauptsitz bereits im April
1997 von Tübingen auf die Insel. 315 Wissenschaftler, technische
Mitarbeiter und Verwaltungskräfte der BFAV erforschen an derzeit drei
Standorten Diagnose und Bekämpfung von Tierseuchen, 171 davon auf Riems.
Die Forschungsanstalt untersteht direkt dem neu gegründeten
Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und
Landwirtschaft. Zwei der drei Standorte, Tübingen und Wusterhausen
(Brandenburg), sollen voraussichtlich im Jahr 2005 geschlossen, die Arbeit der
BFAV soll am Standort Riems konzentriert werden.
Ein Etat von 33 Millionen Mark
Bis zu
diesem Zeitpunkt wird das Institut auf der Insel um Ställe und
Laborgebäude erweitert. Wegen seiner abgeschiedenen Insellage soll das
Institut auf europäischer Ebene schwerpunktartig an Nachweis und
Bekämpfung des BSE-Erregers forschen. Die Anstalt verfügte 2000
über einen Etat von rund 33 Millionen Mark.
Einen Nachweis des
BSE-Erregers am lebenden Tier schon in nächster Zukunft, der Unsicherheit
unter Verbrauchern und Landwirten sowie in der Ernährungsbranche mindern
könnte, halten die Virologen des Forschungsinstituts für
unwahrscheinlich.
Der Sprung vom Bakterium
zum Virus
Die Untersuchung der Rinderseuche sei vor allem wegen
der langen Inkubationszeit ein langfristiger Prozess und komme in ihrer
Bedeutung dem Sprung vom Bakterium zum Virus gleich, den die Wissenschaft vor
hundert Jahren erlebt habe, sagte Institutsleiter Professor Thomas
Mettenleiter.
Er wolle keine Prognose wagen. In Riems soll in den
nächsten Jahren zu Forschungszwecken eine Herde von 30 bis 50
BSE-infizierten Rindern aufgebaut werden. Voraussetzung für derartige
Versuche an Großtieren sei jedoch ein gesellschaftlicher Konsens, sagt
Mettenleiter.
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