BSE, 28. November 2000
BSE-Erreger auch auf der Weide?
Gutachten weist auf mögliche Infektion von Böden
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Der Erreger der Scrapie-Krankheit von Schafen überlebt
jahrelang im Boden (Foto: dpa)
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Ein neuer Alarm von Wissenschaftlern kann den BSE-Gefahren
eine noch weit breitere Dimension geben: Nach hinreichendem und
begründeten Verdacht von deutschen Wissenschaftlern könnte der
BSE-Erreger langfristig in Böden und Weiden überdauern und von dort
auch übertragen werden. Dies berichtete der Wissenschaftliche Beirat
Bodenschutz beim Bundesumweltministerium am Mittwoch in Bonn. Damit wäre
auch Fleisch von biologisch-artgerecht auf Weiden gehaltenen Rindern nicht
sicher.
BSE-Erreger können sich sogar
anreichern
Wir können nicht sagen, dass es dieses
Risiko vom Boden nicht gibt, erklärte der Beirats-Vorsitzende
Hans-Willi Thoenes nach einer Expertentagung in Bonn. Es gibt nach Angaben des
Expertengremiums begründete Hinweise, dass sich die krankhaft
veränderten Prionen, die als Ursache für BSE gelten, im Boden nicht
nur halten, sondern sogar noch anreichern könnten.
Über Exkremente als Dünger auf die
Weiden
Das neue Horrorszenario sieht nach Angaben der
Wissenschaftler so aus: Wenn im Futter oder Tiermehl krankhafte Prionen
enthalten sind, dann kommt ein gewisser Teil von ihnen über die Exkremente
der Tiere auch in die Ställe - und von dort als Dünger wieder auf
Böden oder Weiden. Das hieße auch, krankhafte Prionen in an Schweine
verfüttertem Tiermehl könnten über Ausscheidung und Dung wieder
auf Felder landen und von Pflanzen aufgenommen werden - und damit wieder in die
Nahrungskette der Tiere - und nicht auszuschließen auch von Menschen -
gelangen.
Noch keine Beweise
Die
Wege der Ausbreitung und Übertragung von BSE wären bei einem festen
Nachweis dieses Kreislaufs noch weit größer und unkontrollierbarer,
als bislang gedacht. Was etwa ist mit freilaufenden Hühnern, die
Würmer aus BSE-verseuchten Böden aufpicken?
Noch sind die
Wissenschaftler vorsichtig: Feste Beweise nach wissenschaftlichen
Kriterien für den Übertragungsweg Boden oder Weidegräser
sowie für das Verbleiben oder Anreicherung der Prionen im Boden gebe es
noch nicht, erklärten sie. Dass sie in den Boden über die
Ausscheidung der Tiere eingetragen werden, sei aber eindeutig,
betonte Werner Klein vom Fraunhoferinstitut. Wir müssen auch davon
ausgehen, dass es die Gefahr einer Anreicherung gibt.
"Grund zur Besorgnis"
Die Erkenntnisse
erscheinen dem Wissenschaftler-Gremium aber bereits als derart erhärtet,
dass es erheblichen Grund zur Besorgnis sieht und empfiehlt, als
Vorsorgemaßnahme bei positiv BSE-getesteten Rindern die Ställe und
jeweiligen Weideflächen unter sofortige Quarantäne zu stellen. Auch
die geplante Entsorgung von Tiermehl müsse unter den neuen Erkenntnissen,
die europaweit erstmals vorgelegt würden, geprüft werden.
Antwort in einem Jahr
Die BSE-Forschung
habe sich bislang nur auf die Tiere, Fleisch und Tiermehl konzentriert,
erläuterte Prof. Dietrich Henschler von der Universität Würzburg
das Versäumnis: Auf den Boden hat bislang keiner geachtet. An
den Verdachtmomenten müsse nun mit Hochdruck geforscht werden, betonte
Thoenes. Um die Kernfragen zu beantworten, werde höchstenfalls noch ein
Jahr benötigt.
Seit Februar in
Verdacht
Der Verdacht, dass BSE-Erreger auch in Böden
vorkommen und möglicherweise längere Zeit dort überdauern
könnten, gibt es im Bundesumweltminsiterium schon seit Februar dieses
Jahres. Damals hat der Wissenschaftlichen Berat Bodenschutz in dem Gutachten
"Wege zum vorsorgenden Bodenschutz" darauf aufmerksam gemacht.
Jahrelang infektiös
Die
BSE-Erreger, so heißt es in dem Gutachten, können in nicht benutzem
Weideland bis zu drei Jahre infektiös bleiben. Dies wurde im Fall des
Erregers von Scrapie, einer dem Rinderwahnsinn verwandten Form bei Schafen,
bereits nachgewiesen.
Weidefläche unter
Quarantäne stellen
Der Beirat hat in seinem Gutachten zur
Bodenvorsorge deshalb empfohlen, Weideflächen, die mit dem Erreger
verseucht sein könnten, vorsorglich unter Quarantäne zu stellen.
Zudem sollen die Langlebigkeit von Prionen wie etwa BSE-Erreger in Böden,
ihre mögliche Übertragung auf Bodenorganismen und ihre Wirkung auf
die Tier- und Pflanzenwelt im Boden wissenschaftlich untersucht werden.
Bundesumweltminister Trittin wird nach Angaben des Ministeriums noch im
Dezember zu einem internationalen Fachgespräch über den Wissensstand,
über vorsorgliche Maßnahmen und über Strategien zur
Klärung der offenen Fragen einladen.
Quellen:
sueddeutsche.de / dpa / BMU
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