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Rinderwahnsinn
SZ vom 27.11.2000, Politik
Fatale Fehler

Deutschland hat den Rinderwahn nicht entschieden genug bekämpft / Von Holger Wormer

Was eine Kuh in Schleswig-Holstein in ihrer Jugend zu fressen bekam, hätte bis vor kurzem kaum jemanden interessiert. Nun aber, nach der BSE-Erkrankung von zwei Rindern, werden die Behörden dem Bauern aus Norddeutschland tief in den Trog schauen. Denn als wahrscheinlichste Ursache für den Ausbruch der Seuche gilt verunreinigtes Tiermehl. Während die Experten vor Ort noch ermitteln, stellen andere bereits die nächsten Fragen: Hätte sich BSE in Deutschland verhindern lassen? Haben deutsche Politiker angemessen reagiert? Mit diesem Thema beschäftigt sich die Münchner Soziologin Kerstin Dressel bereits seit einigen Jahren. In ihrer Dissertation hat sie das Verhalten britischer und deutscher Politiker, Beamter und Wissenschaftler analysiert. Ihr Fazit: Auch hier zu Lande hat man verspätet und mitunter nachlässig gehandelt. Bei aller Kritik sei Deutschland jedoch das Land gewesen, das innerhalb der Europäischen Union erste Maßnahmen anregte. „Das muss man festhalten“, betont Dressel.

Politiker weichen dem Druck der EU

So kamen auf Druck des damaligen Gesundheitsministers Horst Seehofer (CSU) 1990 Handelsbeschränkungen für britische Rinder und britisches Fleisch zustande. Auch das EU-weite Fütterungsverbot von Tiermehl an Wiederkäuer wurde 1994 auf Druck Deutschlands eingeführt. „Allerdings haben die deutschen Politiker den Rückzug angetreten, als klar wurde, dass ihre weiteren Vorbehalte innerhalb der Gemeinschaft nicht geteilt wurden“, heißt es in Dressels Studie. Zwischen 1990 und 1994 sei BSE in den EU-Gremien praktisch kein Thema gewesen – obwohl die Zahl der entdeckten Fälle in Großbritannien in dieser Zeit mit fast 1000 Fällen pro Woche ihren Höchststand erreichte. Hier hätte die Bundesregierung hart bleiben und auf weitere Maßnahmen drängen müssen.

Keine ständige Expertenkommission

Zudem sei das Thema – anders als im Gesundheitsministerium – Anfang der neunziger Jahre im Landwirtschaftsministerium ignoriert worden. Insbesondere was die Forschung und Überwachung der Rinderseuche anging, sieht die Wissenschaftlerin Versäumnisse. Erst 1993 habe man zehn Millionen Mark für die Erforschung von BSE und von verwandten Erkrankungen bewilligt, verteilt auf sechs Jahre. Eine ständige Expertenkommission, wie sie einige Wissenschaftler gefordert hatten, sei nie eingerichtet worden. Und erst mit Verspätung knüpften die Behörden ein Netz zur Überwachung der mit BSE verwandten Creutzfeldt-Jakob-Krankheit des Menschen. Nach BSE selbst habe man im eigenen Land nie systematisch gesucht – nach dem Motto: „Wer keine Zahlen hat, hat keine Probleme“, so Dressel. Diese Haltung habe die Position Deutschlands in der EU bei der Forderung nach weiteren Maßnahmen geschwächt. Zudem habe man zu lange gezögert, Risikogewebe wie Gehirn und Rückenmark bei der Schlachtung zu entfernen, was nun erst seit gut zwei Monaten vorgeschrieben ist.

Zwei Dutzend BSE-Fälle pro Woche

Die neue Regierung habe die arrogante Haltung „Deutschland ist BSE-frei“ ihrer Vorgänger beibehalten, kritisiert Dressel weiter. Auch sei es ein Fehler gewesen, sich der Aufhebung des Rindfleischembargos zu beugen. Immerhin gibt es in Großbritannien bis heute knapp zwei Dutzend neue BSE-Fälle pro Woche. Das Risiko durch Importe halten Experten daher immer noch für höher als das Risiko im eigenen Land.

Mit der deutschen Arroganz ist es erst einmal vorbei: Auf dem betroffenen Hof in Schleswig-Holstein wird nun der gesamte Tierbestand gesperrt, wie es ein Krisenplan im Umgang mit der Seuche vorsieht. Sollte sich der BSE-Verdacht erhärten, werden alle Rinder der Herde getötet. Gleichzeitig müssen die Experten der entscheidenden Frage nachgehen: Was hat das Tier gefressen?

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