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SZ vom 22. November 2000, Nachrichten

Trügerische Sicherheit

BSE-Schnelltests sind kein zuverlässiger Schutz vor der Rinderseuche / Von Holger Wormer

BSE-Test
Tests schützen nicht zuverlässig (Foto: AP)


An die Katze „Mad Max“ erinnert man sich in Großbritannien nur ungern. Denn als das Tier im Jahr 1990 an „Katzen-BSE“ erkrankte, war klar: Die Rinderseuche kann auch außerhalb der Labors Artengrenzen überspringen – und somit dem Menschen gefährlich werden.

Die Hersteller von Katzennahrung reagierten damals schneller als die Nahrungsmittel-Industrie und verbannten frühzeitig Risikogewebe wie Hirn und Rückenmark aus dem Futter.

Zusammenhang gilt als sicher

Mittlerweile gilt der Zusammenhang zwischen BSE-verseuchter Nahrung und einer neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen als sicher. „Die Hinweise sind so zahlreich, dass es daran keinen Zweifel mehr geben sollte“, sagt der Neuropathologe Hans Kretzschmar von der Universität München.

Fast 90 Menschen sind bisher an dem tödlichen Nervenleiden erkrankt, die meisten in Großbritannien. Bis heute aber rätseln Forscher über die Minimaldosis verseuchten Gewebes, die nötig ist, um die Krankheit auszulösen.

Einwandfreier Nachweis nur bei Tieren mit Symptomen

Nun sollen BSE-Schnelltests für zusätzliche Sicherheit sorgen. Doch Wissenschaftler haben ihre Zweifel, ob diese Tests zuverlässig genug sind. Denn obwohl ein Anbieter versichert, das sein Test bis zu sechs Monate vor Ausbruch der Krankheit funktioniert, gelingt ein einwandfreier BSE-Nachweis nur bei Tieren, die bereits Symptome zeigen.

Dazu wird aus dem Gehirn oder Rückenmark des geschlachteten Rindes eine Probe entnommen. Bei den schnellsten Verfahren liegt das Ergebnis nach sechs bis acht Stunden vor.

Tests eigentlich für Studien vorgesehen

„Die Tests waren eigentlich für Studien über die Verbreitung der Krankheit vorgesehen und nicht für den Verbraucherschutz“, sagt Hans Kretzschmar. Ähnlich skeptisch ist sein Kollege Herbert Budka von der Universität Wien: „Die Tests sind besser als nichts. Aber absolute Sicherheit geben sie nicht“.

Schließlich, so Budka, könnten einige Organe bereits infektiös sein, bevor die Krankheit im Gehirn genug Spuren für einen Nachweis hinterlassen hat. Daher werde derzeit beispielsweise diskutiert, auch Rinderdarm in die Liste der Risikomaterialien aufzunehmen.

Der Düsseldorfer Biophysiker Detlev Riesner bezweifelt dagegen, dass Rinder, bei denen der Test noch nicht anschlägt, eine große Gefahr sind. Schließlich sei die Konzentration des Erregers in diesen Tieren extrem niedrig.

Risikogewebe nicht immer sorgfältig vom Fleisch getrennt

Der britische BSE-Experte John Collinge von der „Imperial College School of Medicine“ in London sieht noch ein weiteres Problem: „Alle sprechen heute über Fleisch“, sagt er. Viel wichtiger sei es aber zu fragen, welche Nahrungsmittel mit besonders gefährlichen Rinderteilen wie Hirn oder Rückenmark verunreinigt sind.

Immerhin zeigt die Erfahrung aus Großbritannien, dass dieses Risikogewebe in Schlachthäusern nicht immer sorgfältig vom Fleisch getrennt wird. In Deutschland ist dies erst seit knapp zwei Monaten vorgeschrieben.

Milch unbedenklich

Wenigstens ein wichtiges Rinderprodukt halten alle Experten inzwischen für völlig unbedenklich – selbst wenn es von infizierten Tieren stammt: die Milch. „Literweise“, so John Collinge, habe man Milch von BSE-kranken Kühen im Experiment ins Gehirn gesunder Artgenossen gespritzt, ohne dass diese erkrankt seien.

Mit einem anderen Saft gehen die Experten neuerdings vorsichtiger um: Letzte Woche empfahlen das Robert Koch- und das Paul-Ehrlich-Institut, Blutspender abzulehnen, die sich zwischen 1980 und 1996 länger als sechs Monate in Großbritannien aufgehalten haben. Damit soll vermieden werden, dass die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit von Mensch zu Mensch übertragen wird.

Gefahr für Schweine unklar

Wie groß die Gefahr im Tierreich ist, dass BSE auf andere wichtige Nutztiere wie Schweine überspringt, ist ebenfalls unklar. Zwar seien Schweine prinzipiell empfänglich für die Erkrankung, sagt Herbert Budka.

Eine Ansteckung über infiziertes Futter sei im Tierversuch aber nicht gelungen. „Der Test umfasste allerdings nur zehn Schweine“, so Budka. „Ich würde mir dazu mehr wissenschaftliche Daten wünschen.“

BSE-Risiko in Deutschland gering

Einige Experten plädieren daher für ein generelles Tiermehlverbot. Nur so könne man sicher sein, dass die BSE-Seuche nicht auch auf weitere Arten überspringe. Hans Kretzschmar sieht in der Verfütterung von fragwürdigem Tiermehl aber noch eine ganz andere Gefahr: „Man kann kaum vermeiden, dass Rindermehl, das nur noch für Schweine vorgesehen ist, nicht doch an Rinder verfüttert wird.“

Insgesamt halten die Forscher das BSE-Risiko in Deutschland – im Vergleich zu Großbritannien – aber für gering. „Dennoch sollten wir uns nicht als die großen Saubermänner hinstellen“, sagt Detlev Riesner. Ob Deutschland wirklich BSE-frei sei, müsse sich erst noch zeigen.


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