SZ vom 26. 10. 2000, Politik
Rinderwahn
ohne Ende
Britische BSE-Studie zeigt, dass Europa die Seuche
unterschätzt / Von Holger Wormer
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Die BSE-Gefahr wurde von der britischen Regierung lange
verharmlost (Foto: AP)
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Einen solchen Einfluss ist man sonst eher von
totalitären Staaten gewohnt: Forscher durften nicht frei an Tagungen
teilnehmen, ihre Resultate wurden zensiert.
Aus ihren
wissenschaftlichen Arbeiten pickten sich britische Beamte und Politiker jene
Aussagen heraus, die der Beruhigung der Bevölkerung dienlich waren.
Warnungen wurden verschwiegen. Stattdessen stellte sich der britische
Landwirtschaftsminister John Gummer mit seinem Töchterchen vor die Kamera
und verkündete Hamburger essend: Beef is safe.
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Seite der britischen Untersuchungskommission (in Englisch):
BSE-Inquiry
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SZ vom 23. Oktober 2000 Fälschung statt Forschung Eine Studie
belegt, dass die britische Regierung das BSE-Risiko heruntergespielt hat
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Aktuelles Dossier Risiko Rinderwahn Steht uns
die eigentliche Seuche noch bevor?
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Zwei Jahre lang mehrere
hundert Zeugen verhört
Gummer dürfte zu jenen
zählen, die in der offiziellen Untersuchung des britischen BSE-Skandals
kritisiert werden, die nun in London veröffentlicht wird. Für diese
"Phillips-Inquiry" hat eine von der Regierung Tony Blairs eingesetzte
Kommission unter Leitung des Juristen Lord Phillips zwei Jahre lang mehrere
hundert Zeugen verhört.
Umgang mit dem
Problem hat sich nicht grundlegend geändert
Trotz der
ausführlichen Untersuchung bezweifeln Kritiker, dass sich der Umgang mit
dem Problem BSE in Beamten- und Regierungskreisen auf der Insel dadurch
grundlegend geändert hat. So mussten die Behörden erst vor einer
Woche einräumen, dass für einen Impfstoff gegen Kinderlähmung
verbotenerweise Kälberföten verwendet wurden.
Nach
Informationen des Guardian wurde diese Polio-Impfung, die in Deutschland nicht
zugelassen ist, in Großbritannien 35 Millionen mal verabreicht. Die
Reaktion der Behörden erinnerte indes an Beteuerungen aus den neunziger
Jahren, die sich später als falsch herausstellten: Das Risiko für den
Menschen sei "rein theoretisch".
Häme
gegenüber Großbritannien nicht angebracht
Doch
Häme aus Deutschland und dem übrigen Europa gegenüber
Großbritannien ist nicht angebracht. Auch in der EU hat man das Embargo
für britisches Rindfleisch aufgehoben, obwohl einige Fachleute davor
gewarnt hatten. Noch weiß keiner, ob und (wenn ja) wie knapp andere
EU-Länder an einer Katastrophe vorbei geschrammt sind. So wurden in den
vergangenen Tagen aus Frankreich und Belgien zahlreiche neue BSE-Fälle
gemeldet, sodass die Behörden in Griechenland bereits französisches
Rindfleisch aus dem Verkehr zogen. Frankreich will nun Fleisch und Knochenmehl
im Tierfutter verbieten.
Unsichere Prognosen
der Forscher
Forscher rätseln indes über unerwartet
viele BSE-Tiere in Portugal. Ob die Rinderseuche auch außerhalb
Großbritanniens tödliche Folgen für Verbraucher haben wird, ist
offen. Denn zwischen der Infektion und dem Ausbruch der menschlichen Form des
Rinderwahnsinns, einer Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (nvCJK),
können Jahrzehnte vergehen.
Wie unsicher die Prognosen der
Forscher bis heute sind, zeigte zuletzt eine vor wenigen Wochen in der
Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Hochrechnung. Epidemiologen aus
Oxford hatten darin versucht, die Zahl der nvCJK-Opfer beim Menschen
vorherzusagen.
Mehr als 130 000 vCJK-Opfer
möglich
60 gaben die Forscher als Untergrenze an - eine
Zahl, die in der Realität mit mehr als 80 längst überschritten
ist; Tendenz deutlich steigend. Sollte indes die Obergrenze der Prognose
erreicht werden, dürfte sich die Blair-Regierung schwer tun, ihre
Entschädigungsversprechen für Betroffene einzuhalten: Auch mehr als
130 000 Opfer halten die Wissenschaftler in Großbritannien für
möglich.
Zum Dossier: Risiko Rinderwahn
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