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Risiko Rinderwahn
SZ vom 25. 1. 2000, Wissenschaft
BSE und Alzheimer im Visier

Forscher haben Therapie-Idee für Creutzfeldt-Jakob-Erkrankungen / von Wiebke Rögener

Rinderwahnsinn (BSE) und das Pendant beim Menschen, die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK), könnten in Zukunft heilbar sein. Das hoffen zumindest Claudio Soto vom Pharma-Unternehmen Serono und seine Kollegen von der Universität New York. Gemeinsam entwickelten sie ein Verfahren, mit dem sie in Tierversuchen verhinderten, dass sich krankmachende Prion-Proteine bilden (Lancet, Bd. 355, S. 192, 2000).

Prion-Proteine sind normale Bestandteile des Organismus. Bei „Schwammhirn-Erkrankungen“ wie BSE und CJK falten sich diese Eiweiße jedoch in anderer Weise als gewöhnlich. Sie verklumpen und lassen so Hirnzellen absterben; das Organ wird löcherig wie ein Schwamm. Charakteristisch für die krankheitsauslösende Form sind Ziehharmonika-ähnliche Strukturen (b-Faltblätter). Gesunde Prion-Proteine dagegen haben mehr wendeltreppenförmige Abschnitte, sogenannte a-Helices.

Das Team von Soto baute nun einen kurzen, aus 13 Aminosäuren bestehenden Abschnitt der Prion-Proteine nach. Dieses Peptid (iPrP13) lagert sich an den Prion-Eiweißstrang an. Offenbar verhindert es dabei, dass das Protein die fatale Faltblatt-Struktur annimmt. Die Forscher experimentierten mit dem Hirngewebe verstorbener CJK-Patienten sowie mit Zellen verschiedener Tierarten, die mit Prionen-Krankheiten infiziert waren. Nach Zugabe des synthetischen Peptids fanden sie mehr spiralförmige Anteile und weniger b-Faltblatt-Abschnitte in den Prion-Proteinen. Allerdings variierten die Ergebnisse je nach Tierart.

„Der Gedanke, mit solchen Peptiden die Faltung von Prion-Proteinen zu beeinflussen ist an sich nicht neu und prinzipiell sicher Erfolg versprechend”, kommentiert der Neuropathologe Hans Kretzschmar von der Universität Göttingen. Überrascht zeigt sich der Experte für Prionen-Erkrankungen jedoch darüber, dass es sogar gelungen sein soll, die falsche Faltung der Eiweiße rückgängig zu machen.

Ansteckungsgefahr gesenkt

Auch die Ansteckungsgefahr durch Prionen ließ sich in Sotos Versuchen reduzieren: Wurden Mäusen infektiöse Prion-Partikel ins Hirn gespritzt und ihnen anschließend iPrP13 verabreicht, entwickelten die Nager erst Wochen später Krankheitssymptome als ohne das Peptid. Das Infektionsrisiko sank um über 90 Prozent, geben die Forscher an. Ähnliche Ansätze würden schon länger verfolgt, um die Alzheimersche Erkrankung zu behandeln. Auch hier sollten kurze Peptide verhindern, dass Eiweißklumpen in den Hirnzellen entstehen.

„Mit solchen Versuchen haben wir schon 1992 angefangen”, bestätigt Konrad Beyreuther von der Universität Heidelberg. Inzwischen bemühten sich mehrere Firmen, auf diesem Prinzip basierend Medikamente zu entwickeln. Beyreuther ist inzwischen jedoch skeptisch, ob dies wirklich zum Erfolg führt: „Denn das Problem ist nicht die Bildung von Aggregaten, sondern schon die Anhäufung der Eiweiße in der Zelle.“

Nach Auffassung des Alzheimer-Experten beruhen Hirnerkrankungen, bei denen sich Eiweiße in den Nervenzellen ablagern, stets auf einem Transportproblem. Er verweist auf die Arbeiten des neuen Medizin-Nobelpreisträgers Günter Blobel: Er zeigte, dass eine falsche „Adressierung“ von Proteinen zu schwerwiegenden Störungen führt, da sich Irrläufer in der Zelle anhäufen und nicht abgebaut werden können. „Vielleicht hilft eine Therapie mit solchen Peptiden dennoch“, so Beyreuther, „aber anders als angenommen: Möglicherweise werden angehäufte Proteine besser abtransportiert, wenn die Peptide daran binden.“

Zahl künftiger Opfer offen

Claudio Soto hofft jedenfalls, ein Medikament zu entwickeln, mit dem sich Prion-Krankheiten behandeln lassen. Zwar kommt CJK bisher nur bei einem unter einer Million Menschen vor. Doch selbst der höchste Gesundheitsbeamte Großbritanniens, Liam Donaldson, möchte sich nicht festlegen, wie viele Menschen durch BSE-verseuchtes Rindfleisch infiziert sind und möglicherweise eine neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) entwickeln werden. Wie die Ärztezeitung berichtete, glaubt Donaldson: „Es wird mindestens noch vier Jahre dauern, bis wir wissen, ob wir uns auf einige hundert vCJK-Fälle oder auf mehrere hunderttausend Erkrankungen einzustellen haben.“

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