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Rinderwahnsinn
SZ vom 29.11.2000, Politik
Teuflisch langsam

Der BSE-Erreger kann meist nicht rechtzeitig gefunden werden / Von Klaus Koch

Auch das gehört zu den Eigenartigkeiten der derzeitigen BSE-Krise: Der Schnelltest, mit dem in Schleswig-Holstein das infizierte Rind aufgespürt wurde, darf in Deutschland nicht ohne weiteres verwendet werden. „Bislang ist hierzulande kein Schnelltest offiziell zugelassen“, sagt eine Sprecherin des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Wer Rinder auf BSE untersuchen will, darf das bislang nur mit einer Ausnahmegenehmigung der Landesregierung tun.

Tests nicht offiziell zugelassen und nicht optimal

Immerhin begutachtet derzeit in Tübingen das Bundesinstitut für Viruskrankheiten der Tiere die BSE-Schnelltests des Schweizer Unternehmens Prionics und des Münchner Herstellers Bio-Rad, die beide einen Zulassungsantrag für Deutschland gestellt haben. Klar ist schon jetzt, dass keiner der beiden Tests optimal ist.

Vier Anforderungen an den Test ...

Der perfekte BSE-Test hätte vier Eigenschaften: 1. Er wäre schnell und billig. 2. Er wäre hoch empfindlich, würde also schon kleinste Mengen des Erregers anzeigen. 3. Gleichzeitig wäre er robust gegen Irrtümer, lieferte also keinen Fehlalarm bei gesunden Tieren. Und 4. Er bräuchte nur eine kleine Menge Blut oder Fleisch, die man auch einem lebenden Tier jederzeit entnehmen könnte.

... nur zwei sind erfüllt

Tatsache ist, dass die beiden Schnelltests nur ein bis zwei dieser Bedingungen erfüllen: Sie sind relativ billig und liefern in guten Labors keine „falsch positiven“ Diagnosen. „Die würden die Verwirrung nur noch vergrößern“, sagt Markus Moser von Prionics.

Nur tote Tiere können getestet werden

Die Probleme liegen jedoch bei der Empfindlichkeit. Beide Tests sind auf Gehirn angewiesen. Die Konsequenz ist, dass nur geschlachtete oder tote Tiere getestet werden können. Die EU hatte 1999 in einer Erprobung die beiden Verfahren als etwa vergleichbar eingestuft. Das Grundprinzip der beiden jetzt auf Zulassung wartenden Schnelltests: Derzeit gehen die Forscher davon aus, dass der BSE-Erreger die gleichsam verbogene Variante eines „Prion-Protein“ genannten Eiweißes ist, dass auch in gesunden Rindern weit verbreitet ist. Ein Unterschied: Der BSE-Erreger übersteht im Gegensatz zu der normalen Form auch den Kontakt mit aggressiven Chemikalien.

Radikale Methode

Diese Stabilität nutzen beide Tests: Sie behandeln Gehirngewebe zuerst mit einem Chemikaliengemisch, dass praktisch alles Gewebe zerstört. Was übrig bleibt wird weiter aufbereitet, schließlich wird der Lösung ein mit einem Farbstoff markierter Antikörper gegen Prion-Protein hinzugefügt. „Einen Farbfleck sieht man nur, wenn der Antikörper tatsächlich Prionen findet“, beschreibt Moser das Verfahren. Wenn der Test positiv ist, sind die Schlussfolgerungen eindeutig: Dann ist die Diagnose BSE sicher. Doch wenn der Test negativ ausfällt, ist das keine sichere Gewähr, dass das Tier nicht doch die Krankheit ausbrütet. „Der Erreger bracht offenbar lange, bis er das Gehirn der Tiere erreicht“, glaubt Moser. Und erst dort vermehrt er sich massiv.

Garantien nicht möglich

Zu den grundlegenden Versäumnissen der BSE-Forschung gehört, dass bislang noch keine sicheren Erkenntnisse vorliegen, wie lange es nach einer Infektion dauert, bis der Erreger in einem Rind das Gehirn erreicht – und welchen Weg er nimmt. Die Erfahrungen in Großbritannien deuten darauf hin, dass es in der Regel durchaus fünf Jahre oder länger dauern könnte: Nur 0,25 Prozent der in England an BSE erkrankten Rinder waren bei der Diagnose jünger als drei Jahre. Bis die Schnelltests etwas finden können, sind die meisten Rinder längst gegessen: In Deutschland treten sechs von zehn Rindern jünger als drei Jahre die Reise in den Schlachthof an.

Nur die Spitze des Eisbergs

Die Konsequenz ist, dass beide Schnelltests nur die Spitze des Eisbergs anzeigen können, aber nicht dazu geeignet sind, BSE-freies Rindfleisch zu garantieren. Ältere Abschätzungen aus England deuten darauf hin, dass auf jedes Rind, bei dem BSE zum Ausbruch gekommen ist, vier bis fünf kommen, die die Krankheit ausbrüten, ohne dass man es ihnen ansehen kann. „Aber es wäre schon ein Sicherheitsgewinn, wenn man durch Tests alle Tiere aussortieren könnte, die massive BSE-Mengen im Gehirn und Rückenmark tragen“, sagt Moser. „Auch wenn man nicht alle infizierten Tiere findet, würde man so vermutlich 99 Prozent des Erregers aus den Schlachthöfen heraushalten.“

Derzeit werden auch noch alternative Testverfahren gesucht. Etwa zehn Labors wollen an einer weiteren, von der EU initiierten, Erprobungsrunde teilnehmen.

Hoffnung: BSE im Blut nachweisen

Möglicherweise könnte auch eine Entdeckung weiterhelfen, die Schweizer Forscher jüngst gemacht haben. Sie haben festgestellt, dass ein normaler Blutbestandteil zumindest bei Mäusen in der Lage ist, BSE-ähnliche Erreger zu erkennen und regelrecht einzufangen. Die Schweizer hoffen nun, diese Fähigkeit dazu nutzen zu können, einen empfindlicheren BSE-Test zu entwickeln: Der würde dann den Erreger gleichsam aus dem Gewebe oder sogar dem Blut herausfischen.



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