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Risiko Rinderwahn
SZ vom 23. 5. 1999, Wissenschaft
Verfrühte Freude über Nieten

In Großbritannien ist man BSE auf der Spur - mit alten Methoden / von Klaus Koch

Wenn es um BSE geht, haben britische Regierungen offenbar ein sicheres Gespür dafür, wie man Misstrauen sät. Argwohn weckte zuletzt, dass offenbar ein Treffen verheimlicht wurde, auf dem im April ausgewählte, regierungstreue Wissenschaftler neueste Forschungs-Ergebnisse berieten: Zwei Studien sollen helfen abzuschätzen, mit wie vielen Toten durch die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) die Briten noch zu rechnen haben. Die Opfer haben sich höchstwahrscheinlich Ende der 80er Jahre durch den Verzehr von BSE-Rindfleisch infiziert.

Ein Teil der offiziellen Ergebnisse des Geheimtreffens ist nun in der Fachzeitschrift Lancet nachzulesen (Bd. 355, S. 1693, 2000). Auf den ersten Blick lässt der Bericht aufatmen: Zwei Forscherteams analysieren seit zwei Jahren mehrere tausend Proben älterer, konservierten Blinddärmen und Rachenmandeln, die in englischen Kliniken nach Operationen aufbewahrt wurden. In den Proben suchen sie nach Prionen, zu denen die Erreger der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gehören sollen.

Erregerjagd mit Laserlicht

Glaubt man dem Bericht, so haben die Forscher in 3200 Gewebeproben keine einzige Infektion nachgewiesen. Allerdings räumen die Autoren ein, dass ihre Zahlen noch keine Entwarnung bedeuten. Verlässlichere Aussagen sind erst möglich, wenn - wie geplant - alle 18 000 Proben ausgewertet sind. Zudem hat die von den Briten benutzte Nachweis-Methode Schwächen, so dass sie positive Fälle übersehen haben könnten.

Vielleicht haben die britischen Forschergruppen aber auch gar kein so großes Interesse, etwas zu finden. "Wir benutzen bereits seit zwei Jahren eine empfindlichere Methode zum Nachweis von Prionen in konservierten Gewebeproben", schildert der Neurologe Hans Kretzschmar, der vor kurzem von der Universität Göttingen nach München gewechselt hat. Auf sein Angebot, das Verfahren auch für den Nachweis der neuen CJK-Variante zu modifizieren, sind die Briten bislang nicht eingegangen, schildert Kretzschmar: "Meine Bitten, mir Gewebeproben von Opfern zu senden, wurden bislang nicht erfüllt."

Inzwischen ist eine Gruppe um Kretzschmar, Jan Bieschke und Manfred Eigen vom Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie sogar dabei, ein noch empfindlicheres Nachweis-Verfahren zu entwickeln, wie sie in den Proceedings der amerikanischen Akademie der Wissenschaften berichten (Bd. 97, S. 5468, 2000). "Wir können jetzt einzelne Prionen in der Rückenmarksflüssigkeit von erkrankten Patienten nachweisen", sagt Kretzschmar. Proben der Flüssigkeit werden dazu mit farbstofftragenden Antikörpern gegen Prionen versetzt und dann per Laserstrahl durchleuchtet. Mit Hilfe eines Mikroskops können so winzige Farbblitze registriert werden, die entstehen, wenn das Laserlicht auf den Farb-markierten Erreger trifft. "Vorerst ist das vor allem eine Methode für die Grundlagenforschung", sagt Kretzschmar. Bei einem Test an Proben von CJK-Opfern hatte das Verfahren nur in jeder fünften Probe den Erreger nachweisen können. "Möglicherweise haben einige Patienten in der Rückenmarksflüssigkeit zu wenige Prionen", sagt Kretzschmar. Dennoch bedeutet die Methode einen Fortschritt, da eine sichere CJK-Diagnose bisher erst nach dem Tod des Patienten gestellt werden kann.

Therapieansatz im Tierversuch

Verfahren zum frühen Nachweis der "Schwammhirn"-Krankheiten wie CJK und BSE werden vor allem dann wichtig, falls es einmal eine Therapie geben sollte. Auch hier gibt es zumindest in der Grundlagenforschung Fortschritte, wie eine Gruppe um Adriano Aguzzi von der Universität Zürich und Charles Weissmann vom Imperial College in London beschreibt (Science, Bd. 288, S. 1257, 2000). In ihren Versuchen hatten die Forscher Mäuse zuerst mit Scrapie-Erregern infiziert, die bei Schafen die BSE-ähnliche Traber-Krankheit verursacht. Eine Woche später spritzten sie den Tieren dann Antikörper, die gezielt bestimmte Abwehrzellen abtöten: die "follikulären dendritischen Zellen".

Forscher wissen bereits, dass Prionen auf dem Weg vom Darm ins Gehirn diese vor allem in den Lymphknoten und in der Milz sitzenden Zellen als Trittbrett benutzen. Wenn Aguzzi und Kollegen die Abwehrzellen durch die Antikörper ausschalteten, starben die Mäuse rund vier Wochen später als unbehandelte Tiere. Ob solche Antikörper jedoch einmal als Therapie für infizierte Menschen taugen, bleibt fraglich: Die Zerstörung der Abwehrzellen durch Antikörper könnte eine schwere Immunschwäche auslösen. "Wir vermuten zudem, dass Abwehrzellen nicht der einzige Weg sind, über den die Erreger ins Gehirn gelangen", sagt Kretzschmar.


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