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Risiko Rinderwahn
SZ vom 1. 8. 2000, Wissenschaft
Wahnsinn vom Schaf

Die Prionen-Hypothese zur Entstehung von BSE ist erneut bestätigt: Eiweiße ohne Erbsubstanz können Krankheitserreger sein / von Klaus Koch

Seinen Medizin-Nobelpreis hat Stanley Prusiner 1997 offenbar zu Recht erhalten. Kollegen des Neurologen von der Universität von Kalifornien in San Francisco liefern nun das bislang beste Argument, dass einfache Proteine Krankheiten auslösen können - obwohl sie kein Erbgut haben.

Prusiner ist der prominenteste Vertreter der Theorie, dass solche "Nur-Protein-Erreger" Krankheiten verursachen, die das Gehirn in eine Art Schwamm verwandeln: den Rinderwahnsinn (BSE), die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) des Menschen und Scrapie bei Schafen. Tückische Proteine "Prionen", wie der Amerikaner die mysteriösen Erreger 1982 getauft hat, sind laut seiner Theorie falsch gefaltete Proteine mit der tückischen Fähigkeit, andere von der Zelle hergestellte Proteine durch eine Kettenreaktion in ihre falsche Form zu zwingen.

Fatal ist dieser Prozess, weil die veränderten Proteine zu Klumpen oder Fasern verkleben, die nicht mehr abgebaut werden können. Zudem töten diese Klumpen - zumindest bei BSE und CJK - Nervenzellen ab. Hinter der Nobelpreis-gekrönten "Nur-Eiweiß"-Theorie stand bislang allerdings noch ein Fragezeichen: Weder Prusiner noch seine Kollegen konnte sicher ausschließen, dass in den Protein-Klumpen nicht doch ein Stückchen Erbgut - etwa in Form eines Virus - verborgen sein könnte.

Nun zeigen Experimente der Forscher aus San Francisco aber, dass zumindest bei Hefe tatsächlich ein Protein allein eine Infektion auslösen kann (Science, Bd. 289, S. 595, 2000). In den Hefe-Zellen tut das Protein "Sup35" Dienst, von dem Forscher seit einigen Jahren wissen, dass es wie der BSE-Erreger die Form wechseln kann und dann zum Verklumpen neigt.

Um zu beweisen, dass eine kleine Menge dieses verbogenen Proteins genügt, um die Kettenreaktion in Gang zu setzen, haben die Forscher eine Variante des Sup35-Proteins von Bakterien herstellen lassen und es anschließend penibel gereinigt. Einen Teil davon wandelten sie im Reagenzglas in seine krankhafte Form um und fütterten die Hefezellen damit.

Von 2214 Zellen, die die Prionen aufgenommen hatten, entwickelten 33 die krankhaften Klumpen und gaben die Infektion zudem an ihre Tochterzellen weiter.

Schafe als Überträger

In einem zweiten Experiment verwendeten die Forscher eine nur leicht veränderte Variante von Sup35, die die Kettenreaktion nur selten anstößt. Nur eine von fast 4000 Hefezellen entwickelte denn auch die Prionen-Krankheit.

"Dass die Wirkung an einer Verunreinigung liegen könnte, ist damit sehr unwahrscheinlich", schreiben die Forscher. Der Prionen-Experte Mike Tuite von der Universität Kent legt sich sogar definitiv fest: "Die Experimente zeigen eindeutig, dass die Veränderung der Hefe allein auf dem Kontakt mit einem fehlgefalteten Protein beruht."

Unterdessen müssen vor allem die Briten darauf hoffen, dass sich Prusiner wenigstens in anderer Hinsicht irrt. Denn der Amerikaner hat jetzt Hinweise gefunden, dass der Erreger des Rinderwahnsinns ursprünglich von den Schafen der Insel kam. Denn ein Teil der 40 Millionen Schafe in Großbritannien ist mit einem krankhaften Prion infiziert, das dem BSE-Erreger sehr ähnlich ist.

Bislang war das britische Gesundheitsministerium davon ausgegangen, dass die bereits seit Jahrhunderten bekannte Scrapie - die BSE-Version beim Schaf - für Menschen harmlos ist. Prusiners Gruppe hat nun gemeinsam mit schottischen Forschern aus Gehirnen von Scrapie-infizierten Schafen verschiedene Erregerstämme isolieren können. "Darunter war ein Stamm, der sich wie der BSE-Erreger verhält", schildert Detlev Riesner von der Universität Düsseldorf, wo Prusiner letzte Woche seine noch unpublizierten Ergebnisse vorstellte.

Widerspenstige Prionen

Weitere Versuche zeigen bereits, dass dieser BSE-ähnliche Scrapie-Stamm besonders widerstandsfähig ist. Er übersteht die Bedingungen, die bei der Verarbeitung von Schafkadavern zu Tiermehl herrschen, auffallend gut. Prusiner sieht in seinen Ergebnissen daher einen weiteren Anhaltspunkt dafür, dass der Rinderwahnsinn durch das Verfüttern von Schafmehl auf die Wiederkäuer übertragen wurde - und dass die krankhaften Prionen durchaus die Artgrenze zu überspringen vermögen.

Sollte sich dies endgültig bestätigen, könnten die Verbraucher auch ihr Vertrauen in Produkte von Schafen verlieren. Allerdings gibt es bislang keinen eindeutigen Hinweis darauf, dass sich ein Mensch an Scrapie-infizierten Schafen angesteckt hat. Unterdessen wächst die Zahl der Menschen, die an der "neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit" (vCJK) gestorben sind.

Da die Erreger dieser CJK-Unterform eher den BSE-Prionen ähneln als den Erregern der klassischen CJK, gehen Forscher schon seit langem davon aus, dass es sich bei der neuen Variante um menschlichen Rinderwahnsinn handelt. Bislang sind in Großbritannien 76 Menschen an vCJK gestorben, allein 19 davon im ersten Halbjahr 2000 - ein neuer Rekord (Lancet, Bd. 356, S. 228, 2000). Statistiker befürchten, dass der Rinderwahnsinn somit bis zu einer halben Million Menschenleben fordern könnte.


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