Risiko Rinderwahn
SZ vom 18.
10. 1999, Dokumentation Form des Wahnsinns
Nach einer neuen französischen Studie ist die
Krankheit BSE noch gefährlicher als bisher angenommen
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Deine Mutter war eine verrückte Kuh!"Nein, war
sie nicht! Sie ist an menschlicher BSE gestorben!", antwortet der
fünfjährige Rhys seinen Kameraden auf dem Pausenhof seiner Schule in
Newcastle; da ist seine Mutter gerade ein paar Tage tot. Gestorben an der neuen
Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (übliche englische
Abkürzung: nvCJD). Sie entsteht durch Verzehr von Rindfleisch, das mit
BSE-Erregern verseucht ist, und wird deshalb auch Human BSE
(Menschen-BSE"), genannt.
Erst 27 Jahre
alt
Amanda Jean Minto starb, gerade 27 Jahre alt, am 26. Juli
1997 im Sunderland Royal Hospital, wo sie auch zur Welt gekommen war. Fast
zweieinhalb Jahre liegt ihr Tod zurück. Ihr Mann Kevin erinnert sich noch
gut an jenen Montag im November 1996, als er das erste Mal dachte, mit seiner
Frau stimme etwas nicht. Mandy rutschte ohne ersichtlichen Grund
plötzlich aus und verletzte sich. Sie rief mich im Büro an, und ich
fuhr sofort zu ihr, um zu sehen, wie es ihr ging. Sie saß ganz apathisch
auf einem Stuhl und weinte; dieses Verhalten passte überhaupt nicht zu
ihr."
Als Depression verkannt
Mandy Minto, eine junge, fröhliche und fitte Frau
als 18-Jährige hat sie die Jugend-Europameisterschaften im Judo gewonnen
erholt sich von diesem Sturz nie mehr. Ihre Bewegungen werden langsamer
und unkontrolliert, sie wird vergesslich und träge, vernachlässigt
den Haushalt, kümmert sich nicht mehr um die Kinder und streitet mit ihrem
Mann was wir vorher nie getan haben", wie Kevin sagt. Nach zwei
Wochen geht Mandy zum Arzt. Der diagnostiziert eine Depression. Alle
Symptome stimmten ja", sagt der Ehemann. Trotz der verschriebenen Medikamente
verschlechtert sich Mandys Zustand. An Weihnachten, ihrem Lieblingsfest, zeigt
sie kaum Interesse. Als sie Ende Januar 1997 einen Neurologen aufsucht, braucht
sie bereits Hilfe beim Gehen. Auch ihr Gedächtnis lässt nach. Doch
selbst aufwendige Tests eine Lumbal-Punktion, eine Computer- sowie eine
Kernspin-Tomographie und ein EEG, bei dem die Hirnströme gemessen werden
bringen keine neuen Erkenntnisse.
"Unwahrscheinlich, dass Mandy an human BSE
leidet"
Zu dieser Zeit wird Mandy zusätzlich von Dr. Gillian
Stewart untersucht, einem aus Edinburgh gerufenen Spezialisten der Nationalen
Creutzfeldt-Jakob-Überwachungsstelle. Wir mussten einen Fragebogen
ausfüllen, in dem wir unseren Lebensstil und vor allem unsere
Essgewohnheiten beschreiben mussten", erinnert sich Kevin Minto. Als der Arzt
seine Untersuchungen abgeschlossen hat, informiert er Kevin: Es sei sehr
unwahrscheinlich, dass Mandy an Human BSE leide.
Sechs Monate später tot
Sechs
Monate später ist Kevins Frau tot. Die letzten Wochen lag sie im
Krankenhaus, unfähig zu sprechen oder sich zu bewegen. Sie schien zu
schlafen, obwohl ihre Augen geöffnet waren", sagt Kevin. Wenn die
Kinder Jack und Rhys ins Zimmer kamen, nahm sie keine Notiz von ihnen." Erst
nachdem das Gehirn der Toten untersucht ist, steht fest: Mandy starb an Human
BSE. Sehen darf Kevin Minto seine tote Frau nicht mehr. Ihr Leichnam wird
eingeäschert. Die Urne vergraben die Mintos im Garten hinter ihrem
Backsteinhaus. Die Kinder haben einen Baum auf dem kleinen Rasengrundstück
gepflanzt, zur Erinnerung.
Bislang 46
Menschen an nvCJD gestorben
46 Menschen sind bislang an Human
BSE gestorben. Bei weiteren elf gilt derzeit eine nvCJD-Erkrankung als
wahrscheinlich, sieben von ihnen leben noch. Zwischen ihnen gibt es keine
Gemeinsamkeit außer dass bis auf einen Franzosen alle Opfer
in England lebten. Die Erkankten müssen sich mit dem Erreger, der bis
heute mehr als 175 000 Kühe in Großbritannien in den Wahnsinn trieb,
infiziert haben; nur wie und wann, kann niemand genau sagen. Auch die genaue
Inkubationszeit für nvCJD ist nicht bekannt. Bei der klassischen Form der
Krankheit beträgt sie bis zu 35 Jahre. Liegen bei Human BSE, so eine der
Theorien, 15 bis 20 Jahre zwischen Infektion und Ausbruch der tödlichen
Krankheit, würde das bedeuten, dass sich alle bis heute Erkrankten
zwischen 1979 und 1984 angesteckt haben müssen zu einer Zeit, als
es Rinderwahnsinn offiziell noch gar nicht gab. Infizierte Tierprodukte sind
vielleicht auf diese Weise ungehindert in die menschliche Nahrungskette
gelangt. Der Molekularbiologe Stephen Dealler geht davon aus, dass mindestens
1,5 Millionen infizierte Rinder in England verzehrt wurden nicht zuletzt
aufgrund der nachlässigen britischen BSE-Politik, die ein von der
Labour-Regierung eingesetzter Untersuchungsausschuss seit anderthalb Jahren
aufzurollen versucht.
Kein Beef auf der Messe
Für eine Beendigung des Exportverbots von britischem
Rindfleisch sei es noch viel zu früh, finden nicht nur die
Angehörigen von nvCJD-Toten, sondern auch manche britische
Wissenschaftler. Trotzdem hob die EU-Kommission das seit März 1996
bestehende Verbot auf. Seit zweieinhalb Monaten dürfen die Briten wieder
Rindfleisch von Tieren, die jünger als 30 Monate sind, in die EU
exportieren. Nur in Deutschland und Frankreich ist der Verkauf von britischem
Beef nach wie vor verboten. Auf der weltgrößten Lebensmittelmesse
Anuga, die vergangenen Donnerstag in Köln zu Ende ging, konnten deshalb
die 43 Fleisch-Aussteller von der Insel ihr Rindfleisch zwar zeigen, aber nicht
verköstigen. Da sie nach der Beendigung der Messe ihre Rinderprodukte
hätten unschädlich beseitigen" müssen, haben die Briten
das verdächtige Fleisch gar nicht erst mitgebracht.
Brisante Studie
Während
Deutschlands Haltung zum Exportverbot vor allem durch Unentschiedenheit
auffällt Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne)
versprach den Briten Ende September in London, sich für die baldige
Aufhebung des Exportverbots einzusetzen legten die Franzosen der
EU-Kommission wenig später eine 600 Seiten starke Studie vor, die neue
Erkenntnisse über die Gefahren britischen Rindfleischs enthalten soll.
Diese Studie ist offenbar recht brisant. Die EU-Kommission, der der Bericht zur
Auswertung vorliegt, spielt erst einmal auf Zeit. War vor zwei Wochen in
Brüssel noch die Rede davon, gegen Frankreich ein Verfahren wegen des
andauernden Exportverbots, das als Vertragsverletzung gilt, vor dem
Europäischen Gerichtshof anzuzetteln, will der neue EU-Kommissar für
Gesundheit und Verbraucherschutz, der Ire David Byrne, seit vergangenem
Donnerstag plötzlich den Streit einvernehmlich beilegen. Die
Brüsseler BSE-Beratungen wurden kurzerhand auf kommenden Montag vertagt.
Mehr Organe befallen als bisher angenommen
Gérard Pascal, Vorsitzender des
EU-Wissenschaftsausschusses, sprach in der französischen Zeitung
Libération sogar von gewissen neuen Einzelheiten", die das
Rindfleisch-Embargo gegen Großbritannien wieder in Kraft setzen
könnten. So soll die Rinderkrankheit BSE mehr Organe befallen können,
als bisher angenommen. Außerdem, so die Franzosen, gehe die Zahl der
BSE-kranken Rinder in England langsamer zurück als erwartet was
wiederum die Theorie, nach der Rinder ausschließlich wegen krank
machenden Tiermehls im Futter BSE bekommen, ins Wanken bringt.
Etikettierpflicht für Rinder gefordert
Auch Gesundheitsministerin Fischer hat inzwischen Bedenken
bekommen. Eine Aufhebung des Importverbots macht sie jetzt auch von den
Erkenntnissen der französischen Studie abhängig. Außerdem ist
ihr ein wichtiges Verbraucherargument verloren gegangen: Die obligatorische
Einführung der Rinder-Etikettierpflicht, die Anfang 2000 in ganz Europa in
Kraft hätte treten sollen, ist vergangene Woche von der EU-Kommission um
drei Jahre verschoben worden.
"Warum nicht
auch in Deutschland?"
Geht Philip Thomas, Professor an der City
University London, davon aus, daß maximal 87 Patienten an
Menschen-Rinderwahn erkranken werden, hält Liam Donaldson, ranghoher
britischer Gesundheitsbeamter, dagegen: In den kommenden Jahren seien
Hunderttausende oder sogar Millionen" nvCJD-Kranke möglich. Es
wird neue Fälle der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob geben", sagt auch
Inga Zerr, Neurologin der deutschen CJD-Überwachungsstelle in
Göttingen. Und man kann sich nicht so richtig vorstellen, warum
nicht auch in Deutschland."
Verbraucher haben
Angst
Dass viele Verbraucher in Europa Angst vor britischem Beef
haben, kann die Familie Minto gut verstehen. Seit Mandys Tod isst sie
überhaupt kein Rindfleisch mehr. Auch die Kinder halten sich strikt daran.
Bei einer Pfadfinder-Party fragte der heute achtjährige Rhys, was denn
genau in den Hot Dogs enthalten sei, die es zu essen gab. Als sich
herausstellte, dass in den Würstchen auch Rindfleisch war, aß der
Acht-Jährige lieber Salat.
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