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Risiko Rinderwahn

Gute Prionen - Böse Prionen

Die zwei Seiten eines Proteins / Geschichte einer Entdeckung

Was sind Prionen?

Der Weg der Erreger ins Gehirn

Ein tödlicher Strukturwandel

Die Art-Barriere: Ein Zaun mit Löchern

Die Entdeckung eines neuen Erregers

Prionen-Modell
Prionen-Modell (Foto: AP)




Was sind Prionen?


Der Begriff Prion ist eine Wortschöpfung des amerikanischen Forschers und Nobelpreisträgers Stanley Prusiner und stellt eine Abkürzung für "Proteinaceous infectious particle" dar, was auf deutsch soviel heißt wie "eiweißartige ansteckende Teilchen".

Das besondere an diesen Molekülen ist die Tatsache, dass sie ansteckende Krankheitserreger sind, im Gegensatz zu Bakterien und Viren jedoch keine Erbsubstanz zu besitzen scheinen. Es handelt sind möglicherweise um reine Proteine (Eiweiße). Darauf deutet unter anderem, dass die Moleküle aktiv bleiben, auch wenn sie bestrahlt werden - eine Methode, die etwa bei Viren zur Zerstörung des Erbguts führt. Darüber hinaus sind Prionen extrem widerstandsfähig gegen Desinfektionsmittel und Hitze und werden von Verdauungsenzymen nicht zerstört.

Die Idee, dass einige Krankheiten von Proteinen auslösen werden könnten, stammt schon aus den Sechziger Jahren. Seit Mitte der Achtziger Jahre weiß man allerdings, dass Säugetiere - auch Menschen - ein Gen für Prion-Proteine tragen, und die Eiweiße natürlicherweise in unseren Hirnzellen vorkommen.

Es gibt demnach Prionen, die keine Krankheiten verursachen - es sind die so genannten zellulären Prion-Proteine (PrPC) - und es gibt jene, die die Transmissiblen spongiformen Enzephalopathien auslösen. In Anlehnung an die Schafkrankheit Scrapie werden sie meist PrPSc genannt werden. Bei erkrankten Menschen oder Tieren scheinen sie entweder von selbst zu entstehen (etwa bei der sporadischen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit), oder die Krankheiten sind Folge einer Infektion.

Erst kürzlich kamen französische Wissenschaftler der eigentlichen Funktion der körpereigenen Prionen auf die Spur: Die Eiweiße scheinen an der Feinregulierung von Nervenzellen beteiligt zu sein. Sie sitzen an der Oberfläche der Fortsätze von Nervenzellen, über die Reize weitergeleitet werden. Wie Odile Kellermann und ihr Team am Institut Pasteur in Paris feststellen konnten, beteiligen sie sich von hier aus an einer Signalkaskade, über die das Enzym Fyn-Tyrosin-Kinase aktiviert wird. Dieses Enzym wiederum löst eine ganze Reihe von Reaktionen in den Nervenzellen aus.

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Der Weg der Erreger ins Gehirn


Wie die Prionen von außen - etwa über die Nahrung - ins Gehirn gelangen, ist noch nicht geklärt. Im Prinzip existieren zwei Möglichkeiten, Säugetiere zu infizieren. Der eine ist die Übertragung von infektiösem Material direkt ins Gehirn. Auf diesem Wege wurde schon sehr früh nachgewiesen, dass auch Mäuse an Scrapie und Affen am Iatrogenen Creutzfeldt-Jakob-Leiden erkranken können.

Der zweite Weg ist noch nicht endgültig geklärt. Vermutet wird eine Ansteckung über die Nahrung - etwa verseuchtes Fleisch. Und im Gegensatz zu den körpereigenen Prionen werden die infektiösen PrPSc im Magen nicht zerstört. Wie aber die Nahrung vom Magen oder Darm in das Gehirn gelangt, wird noch erforscht.

Schon weil Prionen bei Schafen, Rindern und auch bei Menschen außer im Gehirn vor allem auch in den Mandeln, dem Darm und der Milz gefunden werden, wird seit einiger Zeit vermutet, dass das Immunsystem bei der Ausbreitung im Körper eine wichtige Rolle spielt. Und 1998 stellten James Ironside und seine Kollegen vom Überwachungszentrum für die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit in Edinburgh fest, dass die Prionen sich in bestimmten Abwehrzellen, den so genannten follikulären dendritischen Zellen, die in den Lymphknoten und der Milz sitzen, ansammeln und vermehren.

Wissenschaftler der Universität Zürich um Adriano Aguzzi und Charles Weissmann vom Imperial College in London konnten nun kürzlich zeigen, dass Mäuse, die mit Scrapie angesteckt wurden, länger lebten als ebenfalls infizierte Artgenossen - wenn diese Abwehrzellen gezielt ausgeschaltet wurden.

Wie allerdings die Prionen von der Milz schließlich ins Gehirn gelangen, ist noch immer unklar.

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Ein tödlicher Strukturwandel
Einer der zentralen Punkte der Prionen-Theorie Stanley Prusiners ist die Umwandlung von körpereigenen und harmlosen Prionen (PrPC) zu den krankheitserregenden Proteinen (PrPSc). Dabei ist die Zusammensetzung der beiden Proteine identisch - lediglich die dreidimensionale Struktur ist verschieden.

Was die Umwandlung ursprünglich auslöst, ist unbekannt. Stößt jedoch eines der PrPSc-Moleküle auf harmlose PrPC, so ändern diese ihre Struktur und werden selbst infektiös. Dafür spricht beispielsweise, dass nur Tiere, die selbst Prionen produzieren können, an Prionen-Krankheiten leiden. So genannte Knock-out-Mäuse, denen das PrP-Gen fehlt, lassen sich nicht mit Scrapie anstecken.

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Die Art-Barriere: Ein Zaun mit Löchern


Die Gene, die die Blaupausen der körpereigenen Prionen darstellen, unterscheiden sich von Art zu Art - und damit besitzen auch die Prion-Proteine verschiedene Strukturen. Die Gefahr, die nun durch die Infektion einer Tierart mit PrPSc einer anderen Art darstellt, scheint desto größer, je ähnlicher die körpereigenen Prionen der beiden Arten sind.

Schafe
Ursprung der BSE: Schafe (Foto: AP)
So unterscheiden sich die Schaf- und Kuh-Prionen lediglich an sieben Positionen. Dagegen ist der Unterschied zwischen dem Kuh- und dem Menschen-Prion mit 30 Stellen erheblich größer. Prionen, an der eine Art erkrankt, kann für andere Arten harmlos sein. Wissenschaftler sprechen hier von einer "Art-Barriere".
Auf der anderen Seite gibt es jedoch immer wieder Beispiele dafür, dass diese Barriere durchbrochen wird. Gerade bei Menschen und Rindern ist die Struktur der normalen Prionen jedoch nahezu identisch, wie Zürcher Wissenschaftler um Kurt Wüthrich dieses Jahr herausgefunden haben.

Dies spricht dafür, dass die neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit ihren Ursprung tatsächlich in der Rinderseuche BSE hat.

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Die Entdeckung eines neuen Erregers


Ende der Sechziger Jahre ging man noch davon aus, dass nur Erreger mit genetischem Material aus Nukleinsäuren, DNS oder RNS Infektionen auslösen könnten. Dann stieß man auf das Problem, dass es mit der Krankheit Scrapie eine ansteckende Krankheiten gab, deren Erreger diesem Kriterium nicht zu entsprechen schien. Es wurde zu dieser Zeit schon diskutiert, ob auch Proteine sich selbst reproduzieren könnten - und es tauchte die Frage auf, ob die mysteriösen Krankheitserreger nicht zur Gruppe der Eiweiße gehören könnten.

Stanley B. Prusiner
Stanley B. Prusiner, Nobelpreis für Medizin 1997 (Foto: AP)
Ein Name, der in diesem Zusammenhang häufig fällt, ist der des britischen Mathematikers JS Griffith vom Bedford College in London. Griffith hatte 1967 in der britischen Fachzeitschrift Nature den Artikel "Self-replication and scrapie" veröffentlicht. Der Brite beschäftigte sich hier mit drei Modellen der Selbst-Vervielfältigung von Proteinen, eines davon auch heute noch recht ansehnlich. Allerdings bezog er sich auf noch ältere Artikel, auf die Arbeiten von Roger und LS Penrose aus dem Jahre 1957, die wiederum einen Artikel von A. Gratia aus dem Jahre 1922 gelesen hatten.

Die Idee, dass es sich bei dem Erreger um ein Protein - ohne Nukleinsäure (Erbsubstanz) - handeln sollte, war schon ein Jahr zuvor geboren worden, und zwar im Hammersmith Hospital in London. Dort arbeitete Tiklav Alpers, die zusammen mit ihren Kollegen Haig und Clarke diesen Verdacht hegte, und 1966 auch veröffentlichte. Sie hatten festgestellt, das Hirngewebe-Proben aus Scrapie-infizierten Schafen infektiös blieben, auch wenn alles Erbgut im Material zerstört wurde.

1967 folgte ihr berühmter Nature-Artikel "Does the agent of scrapie replicate without nucleic acid?". Die "Protein-only"-Theorie (Nur-Protein-Theorie) war geboren.

Schon ein Jahr später wurde sogar das Gen für das Protein identifiziert - seine Funktion jedoch nicht erkannt. Es erhielt den Namen Sinc und sollte die Inkubationszeit von Mäusen kontrollieren, die mit Scrapie angesteckt worden waren. Erst 1984 wurde es wiederentdeckt.

1972 dann verstarb ein Patient des Amerikaners Stanley Prusiner an der University of California School of Medicine in San Francisco an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit.

Prusiner durchforstete die Literatur, um die Krankheit zu verstehen und stieß dabei auf die Arbeiten von Alper. Darüber hinaus fand er die Arbeiten von Charles Gajdusek vom U.S. National Institutes of Health und Vincent Zigas vom Australian Public Health Service, die 1957 eine Krankheit beschrieben hatten, die sie als den "Lachenden Tod" beschrieben.

Das Leiden grassierte unter den Angehörige des Stammes der Foren auf Neu Guinea, offiziell wird es als Kuru bezeichnet. Wie Prusiner nachlesen konnte, hatten die Wissenschaftler nachgewiesen, dass das Leiden der Schafkrankheit Scrapie sehr ähnlich war, und dass sie zu dem Schluss gekommen waren, Ursache für die Infektion waren kannibalistische Rituale, bei denen unter anderem die Gehirne der Verstorbenen verzehrt wurden.

Darüber hinaus hatten sie Affen mit der Krankheit und auch mit der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit angesteckt. Allerdings vermuteten sie, dass es sich bei dem Erreger um einen langsam wirkenden Virus handelte, der das Hirn der Betroffenen zerfraß.

Prusiner bestätigte nun, dass der infektiöse Scrapie-Auslöser tatsächlich keine Nukleinsäuren enthielt, sondern nur aus einem Protein bestand, das er "Proteinous infectious particle", kurz Prion-Protein (PrP) nannte. Er veröffentlichte seine Ergebnisse 1982 in der US-Fachzeitschrift Science, ein Jahr, nachdem die Molekularbiologin Patricia Merz im Gehirn von Tieren, die mit Scrapie infiziert waren, "scrapie-associated fibrils", (mit Scrapie verbundene Proteinfasern, SAF) entdeckt und ihre Entdeckung veröffentlicht hatte.

Prusiner übernahm diesen Namen jedoch nicht, sondern führte, gegen immense Widerstände in der wissenschaftlichen Gemeinschaft - aber letztlich mit Erfolg - den Begriff Prion ein.

Wenige Jahre später konnten Prusiner und sein Team, zusammen mit Leroy Hood am California Institute of Technology, Bruno Oesch an der Universität Zürich nachweisen, dass Hamster ein Prion-Gen besitzen, und Bruce Cheseboro von den NIH Rocky Mountain Laboratories in den USA gelang das gleiche bei Mäusen. Es folgten Untersuchungen an einer Reihe weiterer Säugetiere - und jedesmal wurden die Forscher fündig. Offensichtlich produzierten die Tiere die Proteine, ohne zu erkranken.

Schließlich konnten die Wissenschaftler zeigen, dass das Scrapie-auslösende Protein eine Variante des normalen Prion-Proteins ist, das daraufhin zelluläres PrP (PrPC) genannt wurde, während die infektiöse Form den Namen Scrapie-PrP (PrPSc) erhielt. Bei Versuchen mit genetisch veränderten Mäuse gelang es, die Krankheit auszulösen und zu übertragen, ohne dass genetisches Material, wie es Viren oder Bakterien tragen, eine Rolle spielte. Die Versuche bestätigten noch einmal die Protein-only-Theorie: Die Mäuse entwickelten die Krankheit dank einer Mutation - und ihr Hirngewebe war infektiös.

1993 stellten Prusiner und sein Team schließlich die Hypothese auf, dass die Proteine, die einmal tödlich und einmal harmlos waren, ihre räumliche Struktur verändern könnten. Tatsächlich stellten sie Unterschiede zwischen den körpereigenen und den krankheitserregenden Prionen fest.

Und wie sich herausstellte, scheint ihre Idee, dass die infektiösen Formen ein harmloses Prion in ein ebenso zerstörerisches Ebenbild verwandeln, tatsächlich zuzutreffen.

Ein Hinweis darauf sind etwa die Versuche von Byron W. Caughey von den Rocky Mountain Laboratories und Peter T. Lansbury vom Massachusetts Institute of Technology, die zeigen konnten, dass die zellulären Prionen sich in Scrapie-Prionen verwandeln, wenn man die zwei Protein-Typen im Reagenzglas mischt.

Im Jahre 1997 erhielt Prusiner den Nobelpreis, nachdem seine Arbeit im Zuge der BSE-Krise und dem Auftreten der ersten Fälle einer neuen Variante der tödlichen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zunehmend an Bedeutung gewonnen hatte.

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Artikel aus der Süddeutschen Zeitung zum Thema:

SZ vom 1. 8. 1999
Wahnsinn vom Schaf
In Großbritannien ist man BSE auf der Spur - mit alten Methoden

SZ vom 11. 1. 2000
Form des Wahnsinns
Struktur mit Bedeutung für BSE gefunden

SZ vom 2.3.1999
Prionen gelangen über Rückenmark ins Hir
Erreger scheinen sich in "sesshaften" Zelltypen des Lymphsystems zu vermehren


SZ vom 12.2.1998
Möglicher Weg zum Rinderwahn
Steckengebliebene" Eiweiße lösen BSE-ähnliche Symptome aus


Weiterführende Links

The Prion Diseases
Stanley Prusiner erklärt seine Theorie der Erreger (Scientific American 1995, in Englisch)
Prionen – Proteine auf Abwegen?
Anschauliche Darstellung der Prionen-Theorie von Mitarbeitern der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere
Prionen, BSE und die neu aufgetretene Krankheit vCJD
Umfassende Seite beim Institut für Virologie an der Universität Zürich (Semesterarbeit!)


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