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Risiko Rinderwahn

Chronik einer Seuche

Erst starben Kühe, dann starben Menschen / Geschichte einer Krankheit, die der Mensch vielleicht selbst provoziert hat

Rinder
Foto: dpa

Vor 1985

In den Siebziger Jahren beschließen Hersteller von Tiermehl, Kadaver, die in die Futtermittelproduktion gehen sollen, nicht mehr so hoch zu erhitzen, wie es bisher üblich war. Auch an Scrapie gestorbene Schafe und an unbekannter Ursache verendete Rinder werden als Rindernahrung wiederverwertet.

1985

Im April 1985 wird der Veterinär Colin Whitacker auf eine Farm in der südenglischen Grafschaft Kent gerufen. Er findet eine nervöse und aggressive Kuh. Es ist der erste, bekannt gewordene Fall einer neuen Krankheit: Rinderwahnsinn.

1986

Im November 1986 identifizieren die Tierärzte Gerald Wells und John Wilesmith vom Central Veterinary Laboratory (CVL) in Weybridge, England, das Leiden als eine fortschreitende spongiforme Enzephalopathie. Die Tiere zeigen Gewichtsverluste und geringe Milchleistung, sie fallen durch Aggressivität Ängstlichkeit und Muskelzittern auf.

Darüber hinaus verlieren sie die Kontrolle über ihre Gliedmaßen, sie beginnen zu taumeln, knicken ein. Die Gehirne der Tiere weisen die für Transmissible spongiforme Enzephalopathien (TSE) typische schwammartige Form auf.

BSE-Gehirn
Löchrig wie ein Schwamm: Das Hirn einer BSE-kranken Kuh (Foto: Sperling Biomedical Foundation)

Ein Jahr später veröffentlichen Wells und Wilesmith eine Beschreibung der neuen Krankheit, Bovine spongiforme Enzephalopathie (BSE), in der Fachliteratur. Inzwischen ist bekannt, dass bereits 1984 auf einer Farm in West-Sussex mehrere Fälle aufgetreten waren, die am 19. September 1985 von einem Arzt des CVL als spongiforme Enzephalopathie erkannt worden war.

Epidemiologische Studien von Wilesmith, Wells und anderer Ärzte zeigen, dass die Krankheit durch infiziertes Tiermehl in Rinderfutter übertragen wird. Es kommt der Verdacht auf, dass die Rinder sich mit dem Scrapie-Erreger angesteckt haben könnten.

1987

Die Veterinäre Wells und Wilesmith veröffentlichen eine Beschreibung der neuen Krankheit, Bovine spongine Enzephalopathie (BSE), in der Fachliteratur. Immer mehr Tiere erkranken an dem Leiden, eine Seuche bahnt sich an.

1988

Die britische Regierung verbietet die Verfütterung von Tiermehl an Rinder - nicht jedoch ein Verbot des Exports von Tiermehl. Das Futterverbot wird jedoch nicht sehr restriktiv umgesetzt.
Metzger
Foto: AP
Erkrankte Kühe müssen geschlachtet und vernichtet werden. Es wird eine Arbeitsgruppe unter Sir Richard Southwood eingerichtet, die die Bedrohung von BSE für die Gesundheit von Tieren und Menschen untersuchen soll. Southwood erklärt, dass es für Menschen kaum ein Gesundheitsrisiko gibt, wenn keine Tiere mit Krankheitssymptomen verzehrt würden. Auch Rinderhirn soll unbedenklich sein.

1989

Bestimmte Teile der Rinder dürfen in England und Wales, später in Schottland, für Menschen nicht mehr verwendet werden. In der Republik Irland erkranken zehn einheimische Rinder an BSE.

1990

Im März 1990 verhängt die EU ein Exportverbot für britische Rinder, die älter als sechs Monate sind. Die Briten setzen das Spongiform Encephalopathy Advisory Committee (SEAC) ein, um die Arbeit von Southwood fortzuführen. Darüber beginnt das Überwachungszentrum für die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit seine Arbeit in Edinburgh, um festzustellen, ob im Zuge der BSE-Epidemie auch beim Menschen mehr spongiforme Enzephalopathien auftreten.

Rinderhirn
Rinderhirn (Foto: AP)
Am 25. September 1990 verbietet die EU den Export bestimmter risikoträchtiger Rinderteile wie dem Gehirn, zugleich wird der Gebrauch dieser Teile als Futter für andere Arten verboten. Deutschland beschließt ein Verbot für britisches Rindfleisch.

Auch in Portugal und der Schweiz treten Fälle von BSE auf. Eine Hauskatze erkrankt an einer spongiformen Enzephalopathie - mit großer Wahrscheinlichkeit wegen des Konsums von Rindfleisch.

1990 ist das Jahr, in dem der britische Landwirtschaftsminister John Gummer seiner vierjährigen Tochter Cordelia öffentlich einen Beefburger geben will, um die Unbedenklichkeit britischen Rindfleisches zu belegen. (Cordelia lehnte allerdings ab).

1991

In diesem Jahr wird von der EU der Export bestimmter Organen britischer Rinder in alle Länder verboten, dann auch der Gebrauch dieser Teile in Dünger.
Ein Rind, das nach dem Tiermehl-Verbot geboren wurde, erkankt an BSE.
Das Kalb einer an BSE erkrankten Kuh entwickelt die Krankheit ebenfalls. Wissenschaftler entdecken, dass, es eine genetische Anfälligkeit für Creutzfeldt-Jakob zu geben scheint.

1992

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Auch Großkatzen in britischen Zoos werden Opfer der Prionen (Foto: AP)

Die EU verbietet den Handel mit Rinder-Embryos, die mit BSE infiziert sein könnten.

In zoologischen Gärten des Vereinigten Königreiches sterben Großkatzen an spongiformer Enzephalopathie. Es wird angenommen, dass es sich um BSE handelt. Die Tiere waren allerdings nicht mit Gehirn gefüttert worden.

1993

In diesem Jahr erkranken etwa 800 britische Kühe an BSE - wöchentlich.

Es stellt sich heraus, dass zwei britische Rinderzüchter, in deren Herden BSE aufgetreten war, an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gestorben sind.

1994

In der EU kommt es zum Verbot, Rinder mit Säuger-Proteinen zu füttern. Außerdem wird der Export von Rindern, die mit BSE infiziert sein könnten, untersagt.

Lediglich Fleisch von Tieren, die aus Herden stammen, in denen seit sechs Jahren kein BSE aufgetaucht ist, darf ausgeführt werden.

Immer mehr kranke Rinder tauchen auf, die erst nach dem Tiermehl-Verbot geboren wurden. Die Ursache bleibt unklar.

Das Verbot von bestimmten Teilen für Menschen und der Gebrauch von Säugerproteinen in tierischer Nahrung wird ausgeweitet.

Bison
Nicht nur Kühe fallen BSE zum Opfer, auch der Bison ist gefährdet (Foto: AP)

Jetzt werden immer mehr TSEs auch bei anderen Tieren als Rindern, Schafen und Ziegen bekannt. Wilde Paarhufer in zoologischen Gärten erkranken an BSE.

Der Versuch der Briten, mit einem Daten-System zu bestimmen, ob Rinder aus infizierten Herden stammen, scheitert am Datenschutz. Die Gesetze werden geändert. Im Vereinigten Königreich kommt es zu Forderungen nach strengeren Regulationen beim Umgang mit Rinder-Produkten am Arbeitsplatz.

1995

In Großbritannien werden im Schulunterricht keine Rinderaugen mehr verwendet.

Ein weiterer britischer Farmer, in dessen Herden BSE aufgetaucht war, stirbt an CJK. Zwei britische Teenager entwickeln Creutzfeldt-Jakob.

1996

Am 20. März 1996 verkündet der britische Gesundheitsminister Stephen Darrell im britischen Parlament, es könne nicht mehr ausgeschlossen werden, dass ein Zusammenhang zwischen der Rinderseuche BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) und einer neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) beim Menschen bestünde.

Zuvor hatte das britische Überwachungszentrum für die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK Surveillance Unit) in Edinburgh zehn Fälle von CJK identifiziert, die sich von der klassischen Form unterschied: Die Patienten waren alle jung (Durchschnittsalter 29 Jahre), starben erst etwa 13 Monate nach Krankheitsbeginn, und zeigten ein etwas anderes Krankheitsbild.

Das tödliche Leiden wird als neue Variante, kurz nvCJK oder vCJK, bezeichnet.

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Foto: dpa
Sieben Tage später, am 27. März 1996, verhängt die EU ein vollständiges Exportverbot für Rinder und Rindfleischprodukte, Samen, Embryos und Tiermehl aus Großbritannien.

Im April 1996 vereinbaren Großbritannien und die EU, dass die Briten alle Rinder vernichten, die älter sind als 30 Monate. Dadurch sollen alle noch lebenden Tiere, die dem Tiermehl ausgesetzt waren, verschwinden. Insgesamt werden etwa 4 Millionen Tiere geschlachtet und vernichtet.
Auch alle Rinder, die nicht mehr benötigt werden, sollen geschlachtet, die Kadaver nicht mehr für Nahrung verwendet werden. Darüber hinaus soll die Methode der Entsorgung sich ändern. Es kommt jedoch zu Organisationsschwierigkeiten.

British Beef
Die Briten stehen zu ihrem Fleisch (Foto: AP)
Schon am 24. Mai fordert Großbritannien vor dem Europäischen Gerichtshof eine Aufhebung des Verbotes. 1997 wird das Verbot als gerechtfertigt beurteilt. Die Briten bemühen sich bei den Mitgliedsstaaten um Verhandlungen und Vereinbarungen.

21. Juni 1996: Auf dem EU-Gipfel in Florenz wird ein Plan aufgestellt, wie das Exportverbot schrittweise aufgehoben werden kann. Die EU-Kommission hat ein Positionspapier vorbereitet, das eine Reihe von Schritten vorschreibt, die zur Aufhebung des Verbots führen können.

Darin enthalten sind die Einführung des Export Certified Herds Scheme (ECHS, Bestimmung von Bestände, in denen acht Jahre lang kein Fall von BSE aufgetreten ist) und des Date-based Export Scheme (DBES, Rindfleisch darf nur exportiert werden, wenn es von Tieren zwischen 6 und 30 Monaten, stammt, deren Mutter ihre Geburt für sechs Monate überlebte, ohne BSE zu entwickeln).

1997

18. Februar 1997: In einem Abschlussbericht einer Untersuchungskommission der EU-Kommission werden dem EU-Ministerrat und Großbritannien schwere Versäumnisse im Umgang mit der Rinderseuche vorgeworfen.

Lift the ban
Britische Farmer protestieren gegen das Importverbot der EU (Foto: dpa)

Am 25. Februar 1997 beantragt Großbritannien die Aufhebung des Exportverbotes für Rinder aus BSE-freien Herden in Schottland und Nordirland. Im Oktober akzeptieren sie prinzipiell das Date-based Export Scheme (DBES).

Zu exportierendes Fleisch darf nur von Rindern stammen, die nach dem 1. August 1996 geboren wurden. Ein Pass oder eine offizielle Computer-System-Identifikation muss die Herkunft und alle Aufenthalte nachweisen. Die Bedingungen werden zwischen den Briten und der EU bis 1998 diskutiert, dann ist die Kommission mit dem Schema zufrieden.

Prinz Charles
Prinz Charles unterstützt britische Viehzüchter (Foto: dpa)
Am 3. Juli 1997 deckt die EU-Kommission den illegalen Export von 1600 Tonnen Rindfleisch aus Großbritannien vor allem in die Niederlande auf. Außerdem informiert sie die Mitgliedsstaaten über schwere Unregelmäßigkeiten in einigen Ländern, die verhindern, dass der Weg des Fleisches verfolgt werden kann.

Am 2. Oktober 1997 erscheint im britischen Fachmagazin Nature ein Artikel, der auch nach Ansicht der EU belegt, dass es zwischen vCJK und BSE klare Übereinstimmungen gibt.
8. Oktober 1997: Emma Bonino, europäische Kommissarin für Gesundheit und Verbraucherschutz, berichtet von Untersuchungen, die zeigen, dass in der offiziellen Kontrolle der Fleischproduktion der Mitgliedsstaten Defizite auftreten.
Die Zahl der BSE-Fälle in Großbritannien nimmt stark ab. Nachdem in den Jahren 92 und 93 etwa 3000 Tiere pro Monat registriert wurden, sind es 1997 monatlich weniger als 500. Dies gilt als Erfolg der Vereinbarungen von Florenz 1996, insbesondere das Schlachten von etwa 1,7 Millionen Tieren über 30 Monaten scheint effektiv.

Im November verbietet die Kommission den Handel mit unzureichend behandeltem Tiermehl, nachdem sie festgestellt hat, dass etliche Mitgliedsstaaten die Hitze- und Druckbehandlung nicht durchführen, die notwendig sind, um den BSE-Erreger zu inaktivieren.

1998

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Richter Phillips (Mitte) bei einer öffentlichen Anhörung März 1998 (Foto: AP)

Anfang des Jahres beauftragt Tony Blair Richter Nicholas Phillips of Worth Matravers mit einer Untersuchung der Maßnahmen, die die konservative britische Regierung 1996 unternommen hat.

Im April 1998 inspiziert die Europäische Kommission die Fleischproduktion in Nordirland. Im Juni folgt die Zulassung des Exports von nordirischem Rindfleisch und Rindfleischerzeugnisse aus Beständen des Export Certified Herds Scheme. Die Tiere müssen in den Beständen geboren, aufgezogen und verblieben sein und in besonders zugelassenen nordirischen Betrieben verarbeitet werden. Die Bedingungen entsprechen im übrigen denen des DBES.

Ab 1. Juli wird von der Kommission eine neue, längere Liste der zu entfernenden Körperteile aufgestellt. Bisher mussten entfernt werden: bei Rindern, Schafen und Ziegen über 12 Monaten der Schädel mit Hirn und Augen, Mandeln, Rückenmark, bei letzteren beiden auch die Milz.

Rinderhälften
Foto: AP
Die neue Liste fordert die Vernichtung von: Schädel mit Hirn, Dura mater, Hirnanhangdrüse, Augen, Mandeln, Darm, die Wirbelsäule von Rindern, Schafen und Ziegen über 12 Monaten, bei letzteren beiden kommt die Milz hinzu.

Im Herbst sendet die EU eine "Notfall-Mission" nach Portugal. Dort steigt die Zahl die BSE-Fälle dramatisch an. Es gibt Hinweise, dass BSE-Material wiederverwertet wird. Die Kommission beschließt aus diesem Grund ein Embargo für lebende Tiere und eine Export-Pause für neun Monate für Fleischprodukte.

Am 25. November 1998 hebt die EU-Kommission das Exportverbot für britische Rindfleischprodukte, die den Bedingungen des DBES entsprechen, im Grundsatz auf. Bevor jedoch der Export wieder stattfindet, muss eine Beurteilung der EU Experten erfolgen, ob die Voraussetzungen erfüllt sind.

In Portugal hat sich die Zahl der BSE-Fälle von 30 im Jahre 1997 auf 66 1998 verdoppelt.

Am 19. 11. 1998 berichtet die EU-Kommission, dass die Forderungen der Wissenschaftlichen Kommittees in Europa noch nicht genug berücksichtigt wurden.

Die Risikovorbeugung auf der Ebene der EU ist noch immer unzureichend.

Seit Mai überprüft das Joint Research Center im belgischen Geel die Anwendbarkeit einiger post-mortem BSE-Tests.

Es laufen Untersuchungen zu Verstößen gegen EU-Regulierungen der Rindfleischproduktion in 13 Mitgliedsstaaten. Viele Länder behandeln Tiermehl noch immer nicht ausreichend mit Hitze und Druck.

1999

Vom 12. bis 16. April 1999 untersuchen Vertreter der Kommission, ob die Bedingungen für den Export britischen Rindfleisches erfüllt sind.

Am 14. Juli 1999 hebt die EU-Kommission das weltweite Exportverbot für britische Rindfleischprodukte gemäß dem DBES auf.

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Nicole Fountain, Präsidentin des Europaparlament, besucht britische Export-Rinder (Foto: AP)
Ab 1. August 1999 ist der Export wieder erlaubt. Deutschland und Frankreich halten das Exportverbot aufrecht.

Die britische Tageszeitung Times berichtet von britischen Bauern, die BSE-verdächtige Rinder in die Nahrungskette geschmuggelt haben.

29. Oktober 1999 erklärt eine Expertenkommission der EU die deutschen und französischen Bedenken gegen die Einfuhr britischen Rindfleisches für haltlos.

Drei der BSE-Tests werden von der EU als tauglich akzeptiert. In der Schweiz werden mit einem dieser Tests Tausende toter Rinder untersucht.

Viele Länder, darunter Deutschland und auch Großbritannien, setzen die Tests nicht regelmäßig ein.

November 1999: Die EU-Kommission fordert die Mitgliedstaaten auf, Risikomaterialien von Rindern nicht zu verwenden. Es gibt jedoch keine Verpflichtung. Deutschland folgt den Empfehlungen nicht.

Frankreich, Finnland und Belgien versehen Rindfleisch mit Herkunftsangaben, dazu kommen 12 nicht europäische Ländern wie USA, Kanada, Australien, Argentinien. Eine Garantie für BSE-freies Fleisch sind die Etiketten nicht. So gibt es etwa in Frankreich etliche Fälle von BSE.

Der Europäische Gesundheitskommissar David Byrne erklärt, Fleisch aus Großbritannien sei nicht gefährlicher als jedes andere in Europa.

2000

Im Januar 2000 reicht die EU-Kommission eine Klage gegen Frankreich ein, da dort das Einfuhrverbot britischen Rindfleisches nicht aufgehoben wurde.

Im Februar 2000 droht die Kommission auch Deutschland mit juristischen Schritten, wenn das Einfuhrverbot für britisches Rindfleisch nicht aufgehoben wird.

28. Februar 2000: Die dänischen Medien berichten von einem einheimischen Rind , das an BSE erkrankt ist. Dänemark hatte für sich beansprucht, BSE-frei zu sein, ebenso wie Deutschland oder Spanien. Nun planen die Dänen, gemäß den Vorschlägen der Kommission Risikomaterial aus Rinderschlachtkörpern zu entfernen. Etliche andere Mitgliedsstaaten handeln noch immer nicht so.

Im März hebt Deutschland das Importverbot auf - einige Bundesländer sind jedoch noch immer gegen die Einfuhr von britischem Rindfleisch.

17. März 2000. Britisches Rindfleisch darf in Deutschland wieder verkauft werden, nachdem der Bundesrat einer Verordnung der Bundesregierung zugestimmt hat - gegen den Widerstand einiger Bundesländer. Das Fleisch muss mit einem XEL-Stempel versehen sein.

Ab April gibt es wieder britisches Rindfleisch in Deutschland. Die Kennzeichnung von Rindfleisch erfolgt durch die Importeure, und wird durch Länderbehörden überwacht. Deutsche Politiker zweifeln daran, dass die Kennzeichnung immer korrekt durchgeführt wird.

Im April 2000 entscheidet die EU-Kommission, dass ab 1. Januar 2001 Schnelltests durchgeführt werden. Die Mitgliedsstaaten sollen in einem jährlichen Überwachungsprogramm gezielte Stichproben bei Tieren durchführen, die verendet sind, notgeschlachtet wurde oder Symptome zeigen. Die Durchführung der Tests liegt in Händen der Staaten selbst. David Byrne ruft alle Mitgliedstaaten dringend auf, die Tests einzuführen.

Außerdem sollen sie endlich die Maßnahmen zur Entfernung von Risikomaterial durchführen. Einige Mitgliedstaaten zögern noch. Lediglich acht haben bereits nationale Vorschriften in Kraft gesetzt.

Am 19. Juni wird auf der Ratstagung der Landwirtschaftsminister der EU entschieden, Risikomaterial aus geschlachteten Rindern zu entfernen. Jetzt kann die Europäische Kommission die Entfernung von Risikomaterial am 1. Oktober endlich einführen.

In allen Mitgliedstaaten - auch jenen ohne BSE bisher - soll nun das Gewebe entfernt werden, in dem die Wahrscheinlichkeit von BSE-Erregern am höchsten ist.

Der Wissenschaftliche Lenkungsausschuss der Kommission hatte wiederholt die Entfernung gefordert. Es gibt zwei Listen mit zu entfernenden Risiko-Organen: Eine Kurze Liste: Schädel mit Gehirn und Augen, Mandeln, Rückenmark und Krummdarm bei Rindern über zwölf Monate, das gleiche gilt für Schafe und Ziegen, darüber hinaus noch die Milz bei Schafen und Ziegen allen Alters.

In Großbritannien und Portugal dagegen gilt die Lange Liste: Bei Rindern betrifft sie den gesamten Kopf außer der Zunge, den Thymus, die Milz, den Darm und das Rückenmark bei Tieren über sechs Monaten, sowie die Wirbelsäule bei Rindern über 30 Monaten.

Die kurze Liste gilt vom 1. April 2001 an auch für Drittländer, wenn ihr BSE-frei-Status nicht durch wissenschaftliche Risiko-Einschätzung belegt ist.

Ab 31. Dezember soll darüber hinaus ein Verbot für bestimmte Schlachttechniken gelten, bei denen ein Risiko besteht, dass Blut des Tieres den Körper kontaminiert, nachdem BSE-infiziertes Gewebe in den Blutstrom gelangt ist.

Am 1. August 2000 veröffentlichen die Mitglieder des Wissenschaftlichen Lenkungsausschuss der EU eine Einschätzung des geographischen Risikos der Mitgliedsstaaten. Deutschland wird in die Risikostufe III eingeteilt, also mit hohem BSE-Risiko, trotzdem noch keine einheimischen BSE-Fälle aufgetreten sind.

Am 1. September 2000 wird in der Europäischen Union ein Etikettierungssystem eingeführt. Kunden können nun feststellen, wo ein Tier geschlachtet und zerlegt wurde. Woher das Tier stammt, ist für den Verbraucher jedoch weiterhin nicht ersichtlich - lediglich eine Referenznummer weist auf die Herkunft.

Britisches Fleisch könnte demnach in ein zweites EU-Land gebracht und dort verarbeitet werden. In einem dritten Staat wäre die Herkunft aus dem Vereinigten Königreich nicht mehr nachzuvollziehen. Deutschland besteht auf einer eigenen, zusätzlichen XEL-Etikettierung, nach der erkennbar ist, dass Fleisch aus Großbritannien stammt. Wo ein Tier geboren und gemästet wurde, und wo es gelebt hat, ist jedoch nicht erkennbar. Diese Kennzeichnung hatte der Bundesrat abgelehnt.

Für die EU ist ein solches weitgehendes System ab 2002 geplant. Für Hackfleisch jedoch wird voraussichtlich weiterhin nur der Ort der Schlachtung und Verarbeitung angegeben.

Am zweiten Oktober 2000 übergibt Lord Phillips of Worth Matravers den Abschlussbericht der BSE-Untersuchung an den britischen Landwirtschaftsminister Nick Brown und den Gesundheitssekretär Alan Milburn. In dem Bericht werden der früheren britischen Regierung schwerer Verfehlungen im Umgang mit der Rinderseuche und der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit vorgeworfen.


Am 23. Oktober geht die Deutsche Wissenschaftlerin Kerstin Dressel mit einer Untersuchung an die Öffentlichkeit, die belegt, dass die britische Regierung ihre eigenen Wissenschaftler mit Drohungen und Zensur daran hinderte, die Rinderseuche angemessen zu untersuchen und Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Stattdessen versuchten Margaret Thatcher und ihr Kabinett, die Öffentlichkeit zu täuschen, indem sie das BSE-Risiko herunterspielte. Es wurde der Industrie überlassen, selbst Maßnahmen zu ergreifen.

Bald darauf wird bekannt, dass in Frankreich BSE-verseuchtes Rindfleisch in den Handel gekommen zu sein scheint.

Ende Oktober melden die Nachrichtenagenturen, dass schon letztes Jahr ein schon 74jähriger Mann an vCJK gestorben war. Die Krankheit wird jedoch erst jetzt nachgewiesen. Bisher trat die Krankheit bei jüngeren Menschen auf - nun wird befürchtet, dass etliche Fälle übersehen worden sein könnten.

Anfang November steigt die Angst, dass die Maßnahmen, mit denen die BSE-Epidemie eingedämmt werden soll, nicht ausreichen. Zwei Schweizer Kühe, die lange nach dem Verbot, Tiermehl zu verfüttern, geboren würden, sind an der Rinderseuche gestorben.

Seit Oktober mehren sich die Berichte von BSE-Fällen in Frankreich. Die in größerem Umfang eingesetzten Prionen-Schnelltests zeigen, dass auch Tiere infiziert sind, die noch keine Symptome zeigen. Für das Jahr 2000 liegt die Zahl erkrankter französischer Rinder im November bei knapp einhundert Tieren - mehr als in den neunziger Jahren insgesamt. Die Französische Regierung reagiert mit einem generellen Stopp der Tiermehl-Fütterung - auch für Geflügel und Schweine - und einem Verbot von T-Bone-Steaks.

Mitte November kündigt Deutschland an, die Zahl von BSE-Tests zu erhöhen.



Am 21. November beschliessen die europäischen Landwirtschaftsminister flächendeckende BSE-Tests für notgeschlachtete oder verendete Rinder im Alter von 30 Monaten ab 2001. Später im Jahr sollen dann alle geschlachteten Rinder diesen Alters getestet werden.

Ab dem 24. November ist auch Deutschland nicht mehr BSE-frei. Ein in der Bundesrepublik geborene Rinder ist mit der Rinderseuche infiziert. Die Regierung beschließt ein generelles Tiermehlverbot, wie es auch in Frankreich schon seit einigen Wochen gilt. Bei einer weiteren Kuh, die aus Deutschland stammen soll, bricht die Krankheit auf den Azoren aus. Es stellt sich jedoch heraus, dass die Herkunftsangaben nicht stimmen.

Am 16. Dezember wird dann tatsächlich ein zweiter Fall von BSE in Deutschland bekannt: Ein Test belegt die Infektion bei einem Tier aus Bayern. Das Land ist Deutschlands größter Rinderproduzent. Wenige Tage später bestätigt sich der Verdacht bei drei weiteren bayerischen Kühen. Die betroffenen Landwirte beteuern, kein Tiermehl verwendet zu haben. Dieses Nahrungsmittel steht im Verdacht, Infektionsquelle zu sein. Forscher halten es nicht für ausgeschlossen, dass die Erreger auch über das Weideland von einem Tier auf das andere übergehen.


(Stand: 20. Dezember 2000)



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