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Risiko Rinderwahn

Eine neue Krankheit: vCJK

Stehen wir am Beginn einer Creutzfeldt-Jakob-Epidemie, oder ist sie schon vorüber? Schätzungen zukünftiger Opferzahlen variieren zwischen einigen Hundert und mehreren Hunderttausend

In Großbritannien sind seit dem ersten Auftreten der neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit insgesamt 73 Menschen mit Sicherheit an der Krankheit gestorben, bei vier Verstorbenen fehlt noch die abschließende Untersuchung, sieben Patienten, die sehr wahrscheinlich an der Krankheit leiden, leben noch.

Die Zahl der sicheren und sehr wahrscheinlichen Fälle auf den britischen Inseln liegt demnach bei 84 (Stand Oktober 2000). Dazu kommen zwei Todesfälle und zwei Patienten, die vermutlich ebenfalls an vCJK leiden, in Frankreich.

Fachleute tun sich schwer, das Ausmaß der Katastrophe abzuschätzen - zu viele Faktoren sind noch unklar. Aber eines steht fest: Eine Therapie liegt noch in weiter Ferne.

Todesfälle vCJK
Bestätigte vCJK-Todesfälle in Großbritannien, Stand 28. September 2000
(Quelle: CDJ Surveillance Unit, Edingburgh / Grafik: mcs)


Die Zahl der Erkrankungen nimmt zu

Wieviele Menschen tötet eine Kuh?

Erreger auch im Fleisch und im Blut

Prionen-Test an menschlichen Organen

Wieviel infizierte Rinder wurden verzehrt?




Die Zahl der Erkrankungen nimmt zu


Die Zahl der Erkrankungen ist von Jahr zu Jahr gestiegen: im Jahre 1995 starben drei Menschen, 1996 und 1997 schon jeweils zehn. Ein Jahr später waren es schon 18. Zwar ging die Zahl im Jahre 1999 auf 14 zurück, für dieses Jahr ist aber mit einer Zahl von 22 zu rechnen, berücksichtigt man die verstorbenen Patienten, die mit großer Wahrscheinlichkeit an vCJK gelitten hatten (Daten des Überwachungszentrums für CJK in Edinburgh).

Anlass zur Sorge

Anhand ihrer Daten haben Wissenschaftler vom Überwachungszentrum für CJK in Edinburgh, zusammen mit einer Reihe weiterer britischer Forscher, berechnet, dass die Anzahl von vCJK-Erkrankungen in Großbritannien seit dem ersten Auftreten jährlich um 23 Prozent angestiegen ist, die Zahl der Todesfälle sogar um 33 Prozent. "Die absoluten Zahlen sind zwar noch klein", erklärten sie im August dieses Jahres, "Aber ein solcher Anstieg sollte Anlass zur Sorge geben."

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Wieviele Menschen tötet eine Kuh?


Wie verbreitet aber ist die Krankheit tatsächlich, wieviel Menschen werden noch daran sterben? Zukunftsschätzungen von Wissenschaftlern gehen extrem weit auseinander. So berechneten dieses Jahr Roy Anderson und Neil Ferguson von der University of Oxford, dass eine einzige infizierte Kuh bei höchstens zwei Menschen vCJK auslösen könnte. Insgesamt, so nehmen die britischen Forscher an, wären weniger als 136 000 Tote zu befürchten. Andere Schätzungen gehen von noch weniger Opfern aus. Der Wissenschaftliche Lenkungsausschuss der Europäischen Kommission war dagegen letztes Jahr zu dem Schluss gekommen, die Erreger eines einziges Rindes könnten auf bis zu 500 000 Menschen übergehen. In einer Stellungnahme zu den Ergebnissen Fergusons beharrten sie kürzlich auf ihren Schätzungen.

Millionen von Toten

Wenn sie recht haben, so müsste mit Millionen von Toten gerechnet werden. Und dies hält auch Liam Donaldson, Großbritanniens höchster medizinischer Beamter, für möglich. Eine von der britischen Regierung erst Anfang des Jahres eingerichtete Behörde, die Food Standard Agency (FSA), kam im August zu dem Schluss, dass zur Zeit bestenfalls festgestellt werden könne, dass die Zahl der letztendlich Betroffenen zwischen einigen Hundert und gut über hunderttausend liegen könne. "Die bisherigen Fälle könnten der Beginn einer sehr großen Epidemie sein, oder wir sind schon dicht vor dem Höhepunkt der Epidemie", stellten die Wissenschaftler etwas ratlos fest.

Große Unsicherheiten

Dass es so schwierig ist, den weiteren Verlauf der Epidemie vorauszusagen, liegt ein einer ganzen Reihe von Faktoren. So müsste der FSA zufolge geklärt werden:
- wie stark ein Mensch den Erregern ausgesetzt gewesen sein muss, um sich anzustecken
- wie sehr sich Menschen in der Anfälligkeit gegenüber den Erregern unterscheiden
- wie lange die Inkubationszeit - die Zeit zwischen Ansteckung und dem Auftreten der Symptome - ist
- wieviel Menschen tatsächlich den Erregern ausgesetzt waren - über welche Wege die Infektion überhaupt stattfindet und
- wieviele Menschen sich schon infiziert haben, ohne dass die Krankheit bisher ausgebrochen ist Bis heute gibt es über keinen dieser Punkte Sicherheit.

Infektionen vor allem in den Achtziger Jahren

So wird zwar angenommen, dass Menschen sich mit großer Sicherheit über den Verzehr von Produkten angesteckt haben, die von infizierten Rindern stammten. Auch dürfte sich der größte Teil der schon verstorbenen und in Zukunft noch auftretenden Opfer in den Achtziger und der erste Hälfte der Neunziger Jahren infiziert haben.

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Erreger auch im Fleisch und im Blut


Es gibt aber noch keine Gewissheit, ob nun lediglich Teile des zentralen Nervensystems, also Gehirn und Rückenmark, gefährlich sind, oder auch Organe wie der Darm, die Milz, die Thymusdrüse.


Rinderhirn
Die BSE-Erreger sitzen im Rinderhirn - aber nicht nur dort (Foto: AP)

Die Erreger scheinen sich neben den Nervenzellen vorzugsweise in Organen aufzuhalten, die mit dem Immunsystem zusammenhängen. Darüber hinaus setzen sie sich an die weißen Blutkörperchen.

So gelangen sie in den gesamten Körper, und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch Muskelfleisch ansteckende Prionen enthält. Ob aber die im Vergleich zum Nervensystem nur geringen Erreger-Mengen im Fleisch eine Gefahr bedeuten, ist ungewiss. (Siehe auch: Ansteckung nicht nur über das Rinderhirn)

Genetische Anfälligkeit

Darüber hinaus weiß man, dass es eine genetisch bedingte Anfälligkeit zu geben scheint: So stimmten alle bisherigen Opfer im Erbgut des körpereigenen Prion-Moleküls überein - eine Eigenschaft, die sie mit etwa 40 Prozent der Bevölkerung teilen.

Prionen-Test an menschlichen Organen

Große Hoffnung werden nun auf einen Test gesetzt, mittels dem infektiöse Prionen in den Mandeln von vCJK-Patienten gefunden werden können. Dass die Erreger sich zu Lebzeiten der Patienten und sogar vor Ausbruch der Krankheit in diesen Organen, aber auch im Blinddarm finden lassen, ist schon seit einigen Jahren bekannt. Diese Organe werden jährlich zu Tausenden entfernt und konserviert. Um festzustellen, wie stark die Bevölkerung schon mit den Prionen "durchseucht" ist, untersuchten Forscher des Überwachungszentrums für CJK in Edinburgh und einige ihrer britischen Kollegen solche "Gewebeproben". In den bis zum Mai 2000 untersuchten 3170 Organen, die alle in den Jahren 1996 bis 1998 entfernt worden waren, fanden sie nicht ein einziges Mal Hinweise auf eine Prionen-Infektion.

Keine Entwarnung

Aber schon letztes Jahr hatte John Collinge gewarnt: "Ein negatives Ergebnis ist kein Ergebnis. Wir wissen nicht, ob jeder, der vCJK entwickelt, auch die Prionen in den Mandeln zeigt." Darüber hinaus könnte auch die Konservierung der Organe den Nachweis der Erreger erschweren. Großbritanniens oberster Gesundheitsbeamter Donaldson sieht jedenfalls keinen Anlass zur Entwarnung: "Wir wissen nicht, zu welchem Zeitpunkt der Krankheit sich Hinweise in Mandeln oder Blinddärmen finden lassen." Und Hans Kretzschmar, Prionen-Forscher an der Universität in München fügt hinzu, "Die Inkubationszeit kann zwischen 10 und vielleicht 20 Jahren liegen." Das macht seriöse Hochrechnungen schlichtweg unmöglich.

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Wieviel infizierte Rinder wurden verzehrt?


Was niemals endgültig geklärt werden kann, ist die Zahl der erkrankten Rinder, die zu menschlicher Nahrung verarbeitet wurden, bevor Maßnahmen gegen die BSE-Seuche ergriffen wurden. Schätzungen sprechen von 750 000 infizierten Tieren, die in den Jahren zwischen 1980 und 1996 auf den Markt gelangten. Und Stephen Dealler, Molekularbiologe vom Burnley General Hospital, geht davon aus, dass mindestens 1,5 Millionen infizierte Rinder in England konsumiert wurden - nicht zuletzt aufgrund der nachlässigen britischen BSE-Politik.

Angesichts dieser Ungewissheit bleibt auch die Frage offen, wieviel Menschen wieviel infizierte Rinder verzehrt und damit überhaupt den Erregern ausgesetzt waren.

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Eine neue Krankheit: vCJK
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Drei schnelle Methoden, die Erreger in geschlachteten Rindern nachzuweisen, sind bereits im Einsatz
BSE und vCJK: Eine Chronik
Von 1985 bis heute

Artikel aus der Süddeutschen Zeitung zum Thema:

SZ vom 18. 7. 2000
Weiterer Hinweis auf BSE beim Menschen
Schweizer Ergebnisse untermauern, dass der Artensprung möglich war.

SZ vom 18. 10. 1999
Form des Wahnsinns
Nach einer neuen französischen Studie ist die Krankheit BSE noch gefährlicher als bisher angenommen

SZ vom 3. 3. 1999
Schlechte Nachrichten zu BSE
Verwandte Krankheit fordert mehr Tote / Vorhersagen schwierig

Weiterführende Links

The UK Creutzfeldt-Jakob Disease Surveillance Unit
veröffentlicht monatlich die neuen Zahlen der vCJK-Fälle in Großbritannien
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