Viele haben befürchtet, dass das lange Schweigen der Wahlkommission
nichts Gutes verheisst. Sie haben Recht behalten. Die serbische
Opposition, die schon wenige Stunden nach der Schliessung der
Wahllokale ihren Sieg verkündete, war allerdings nie davon
ausgegangen, dass Milosevic nach dreizehnjähriger Herrschaft von einem
Tag auf den andern still und leise von der politischen Bühne abtreten
wird. Dass Milosevic und seine Partei schlechter als erwartet
abgeschnitten haben, dafür gibt es viele Indizien. Die Machthaber sind
ganz offensichtlich von Unruhe erfasst.
Doch in der Bedrängnis ist Milosevic im Element. Dem gewieften
Taktiker scheint erneut ein geschickter Schachzug gelungen zu sein,
auch wenn er damit seinen Sturz wohl letztlich nur hinauszögern kann.
Der Kandidat der Opposition hat zwar, so sagt die offizielle
Wahlkommission, am meisten Stimmen erreicht - nicht aber, wie das die
Opposition behauptet, die absolute Mehrheit. Damit ist, wenn das
stimmt, ein zweiter Wahlgang notwendig. Dass Vertreter des Regimes
zuvor verkündet hatten, Milosevic habe bereits im ersten Wahlgang mehr
als fünfzig Prozent der Stimmen erhalten, kümmert ihn nicht. Sein
Kalkül ist offensichtlich: Er will Zeit gewinnen. Auch rechnet er wohl
damit, dass sich die vor allem vom Wunsch nach einem Machtwechsel
zusammengehaltene Opposition in der Frage des weiteren Vorgehens
früher oder später in die Haare geraten wird - eine Strategie, die
bisher immer aufgegangen ist.
Etwas aber hat sich geändert: Die Opposition ist breiter abgestützt
als früher und gibt sich derzeit so einig wie nie zuvor. Der
politische Wirrkopf Draskovic, der verbissen die Spaltung der
oppositionellen Kräfte betrieb, hat sich durch seinen Alleingang bei
den Wahlen selbst ins Abseits manövriert.
Die Opposition fühlt sich betrogen. Sie betrachtet sich als Siegerin
und lehnt eine Stichwahl ab. So verständlich diese Reaktion auch sein
mag, es stellt sich doch die Frage, ob sie politisch klug ist. Das
Festhalten an Prinzipien dürfte sich in diesem Fall kaum auszahlen -
zumal die Opposition auch an den Wahlen vom Sonntag teilgenommen hat,
obschon sie selbst davon ausgegangen war, dass diese gefälscht werden.
Es nützt ihr wenig, wenn sie einen Präsidenten hat, der von den
eigenen Anhängern und den Politikern im Westen als legitimes
Staatsoberhaupt anerkannt wird, der aber über keine Machtmittel
verfügt. Wenn es tatsächlich zutrifft, dass sich eine grosse Mehrheit
der Bevölkerung am Sonntag für einen Machtwechsel ausgesprochen hat,
dann stünde ein Sieg des Oppositionskandidaten auch bei der Stichwahl
ausser Frage. Dieser würde womöglich noch höher ausfallen, denn manch
einer dürfte, angewidert von den offensichtlichen Betrugsmanövern, die
Seite wechseln. Damit wäre Milosevic erneut in der Defensive. Stimmen
lassen sich auch von einem skrupellosen Herrscher nicht in
unbeschränktem Ausmass fälschen.
Die Opposition will mit demokratischen Mitteln ihren Wahlsieg
verteidigen. Wird es ihr gelingen, ihre Anhänger in grossen Scharen zu
mobilisieren? Kann auf diese Weise ein derart starker Druck ausgeübt
werden, dass sich Milosevic zum Nachgeben gezwungen sieht? Zweifel
sind angebracht. Zudem verfügt Milosevic nach wie vor, was im Westen
oft unterschätzt wird, über eine beträchtliche Anhängerschaft. Viel
wird davon abhängen, ob die wichtigsten Stützen des Regimes, die Armee
und die Polizei, weiterhin geschlossen auf der Seite Milosevics
stehen. Anzeichen für Risse im weitverzweigten Machtgefüge oder eine
Palastrevolte gibt es kaum, trotz offensichtlichen Differenzen
innerhalb der Regierungsparteien über die künftige Strategie.
Die meisten westlichen Politiker haben die von der Opposition
verkündeten Ergebnisse, die von unabhängiger Seite ebenfalls nicht
überprüft werden können, sogleich vorbehaltlos übernommen. Milosevic
wurde eindringlich aufgefordert, den Volkswillen zu respektieren und
einen friedlichen Machtwechsel zu ermöglichen. Einige haben gar leere
militärische Drohungen ausgestossen. Sie hätten besser geschwiegen.
Solche Äusserungen sind zudem nur Wasser auf die Mühlen jener, die
schon immer behauptet haben, die Oppositionspolitiker seien
Marionetten des Westens.
Dass Milosevic einen Sieg der Opposition nicht zulassen wird, davon
waren auch im Westen viele ausgegangen. Was aber zu tun ist, wenn das
Regime die Ergebnisse fälscht und es als Folge davon zu Protesten
kommt, die womöglich gewaltsam unterdrückt werden, scheint niemand zu
wissen. Der Westen hat, anders als bei den Demonstrationen nach den
Kommunalwahlen vor vier Jahren, keine politischen Mittel mehr, um
Milosevic zum Einlenken zu zwingen. Die Sanktionen jedenfalls haben
ihre Wirkung verfehlt. Drohungen und entrüstete Aufrufe zur
Respektierung des Wählerwillens sind vor allem Ausdruck dieser
Ratlosigkeit.