Sitemap   Mediadaten
Hilfe   Impressum
Kontakt   Zeit-Verlag
POLITIK
  ZEIT.DE   HOCHSCHULE   KULTURKALENDER   DIENSTE


J U G O S L A W I E N

Milosevic ohne Ende

Und der Westen steht wieder am Anfang

Von Ulrich Ladurner

Eindrucksvoll war das nicht, wie die Amtsträger westlicher Staaten wenige Stunden nach der Wahl in Jugoslawien den Sieg der Opposition verkündeten. "Sie sind ein gebrochener Präsident. Gehen Sie, Herr Milocevic!" So sprachen die Minister in die Mikrofone. Peinlich, weil ein Wahlergebnis zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorlag. Es gab Mutmaßungen, Schätzungen und Wahrscheinlichkeiten, allesamt gestützt auf "glaubwürdige Untersuchungen". Allerdings wusste jeder, dass gemogelt, geschoben, geschwindelt wurde, mithin, dass man es so genau nicht wissen konnte.

Sie würden nur einen Sieg der Opposition akzeptieren, hatten Politiker in Europa und Amerika erklärt. Sollte das eine Lektion in Sachen Demokratie gewesen sein? Seit wann beurteilt man die Legitimität einer Wahl nach ihrem Ergebnis? Wenn die Präsidentschaftswahl von vornherein eine Farce war, hätte man ihren Boykott fordern müssen - was nicht geschah.

Das Geschrei aus den Kanzleien offenbart abermals die Ratlosigkeit des Westens. Einmal so, einmal anders - dieser Wankelmut, das ewige hilflose Hin und Her kennzeichnen die Balkanpolitik seit Anbeginn. Was hat man nicht schon alles mit und gegen Slobodan Milocevic versucht.

Am Anfang der balkanischen Kriege stellte sich der Westen gegen Milocevics Mitverantwortung blind. Man wollte nach dem Zusammenbruch des titoistischen Jugoslawiens einen starken Mann auf dem Balkan, einen "Stabilitätsfaktor", wie es hieß. Am Ende des bosnischen Krieges adelte man ihn sogar zum Friedensmacher, obwohl es zuhauf Hinweise dafür gab, wie groß Milocevics Verantwortung für Krieg und Kriegsverbrechen war. Auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Dayton erlebte er 1995 seine Sternstunde. Keine vier Jahre später war Milocevic der Schurke, auf eine Stufe gestellt mit den ganz großen Verbrechern des Jahrhunderts. Nato-Bomben regneten auf sein Land.

Man kann ihn weder verhaften noch mit ihm verhandeln

Milocevics bemerkenswerte Karriere spiegelt das Scheitern westlicher Balkanpolitik. Es ist eine Karriere, die trotz aller Aufgeregtheiten über seine mögliche Ablösung noch nicht zu Ende sein dürfte. Daher stellt sich weiter die Frage: Was tun mit Milocevic?

Formal gesehen, gibt es nur eine Möglichkeit: verhaften und an das Tribunal in Den Haag überstellen. Immerhin ist Milocevic seit Mai 1999 ein gesuchter Kriegsverbrecher. Angeklagt vor einem Tribunal der Vereinten Nationen. Und das völlig zu Recht. Aber für die internationale Politik ist es ein Desaster, denn der Haftbefehl beraubt sie jeder anderen Möglichkeit - außer sie ist bereit, den "Auftrag" bis zum Ende zu führen: den Staatschef zu fangen. Doch das bedeutete Krieg. Wer will ihn?

In diese Sackgasse hat sich der Westen manövriert, weil er nie zum richtigen Zeitpunkt entschlossen gehandelt hat, weder politisch noch militärisch. Sollte sich Milocevic erfolgreich an das Amt klammern, gibt es im Grunde nur eine Option: das schrittweise Aufbrechen der Isolation Serbiens. Vom Standpunkt der Moral wäre das ein Skandal.

Wo der Weg zwischen Politik und Moral zu finden ist, das müssen jetzt Emissäre ausloten. Die Opposition hat von jeher gesagt, eine Isolation Serbiens nutze allein dem Despoten. Und man kann annehmen, dass innerhalb des Regierungsapparates Leute sitzen, die bereit sind, notfalls die Seite zu wechseln. Wer immer sich nach Belgrad aufmachen muss, er ist jedenfalls nicht zu beneiden.

Siehe auch Seite 2:

Der Gegenspieler - ein Porträt von Vojislav Koctunica


(c) DIE ZEIT   40/2000   





ZEIT.DE  | HOCHSCHULE  | KULTURKALENDERDIENSTE  | HILFE  |
POLITIKWIRTSCHAFT  | KULTUR  | WISSEN  | MEDIA  | REISEN  | LEBEN  |
E-VOTE  | STELLENMARKT  | ZEIT-ABO-SHOP  | ZEIT-VERLAG  |
IMPRESSUM  | MEDIADATEN  | KONTAKT  |