Mit dem Bericht der drei «Weisen» haben die vierzehn
EU-Sanktionsstaaten die gewünschte Deckung erhalten, hinter der sie
ihre internen Differenzen verbergen und sich von ihrer unseligen
Ächtungspolitik gegenüber Österreich zurückziehen können. In ihrem
Interesse liegt es vor allem, dass dies möglichst schnell geschieht.
Die Abstimmung in Dänemark über den Beitritt zu Euro-Land steht
unmittelbar vor der Tür, in einigen andern Mitgliedstaaten rumort es
vernehmlich, und die Union hat mit inneren Reformen und Osterweiterung
ohnehin Wichtigeres zu tun. Die Vernunft gebietet, das Ganze ohne viel
Aufhebens auf den Schutthaufen der Geschichte zu werfen.
Ein Blick zurück ist dennoch vonnöten. Klar wird im Bericht der
«Weisen» betont, das in die Ecke gestellte Alpenland habe einen besser
entwickelten Minderheitenschutz als viele andere EU-Staaten, und
ebenso wird konstatiert, dass es dort bisher zu weniger
Gewaltanwendung und Manifestationen von Ausländerfeindlichkeit
gekommen sei als in andern Teilen Europas. Neu sind diese
Feststellungen alle nicht. Man hätte sie ohne grosse Anstrengung und
mit etwas gutem Willen vor Verkündung der Massnahmen gegen Österreich
treffen können. Die Koalition in Wien hätte sich trotz Haider und den
«radikalen Elementen» seiner rechtspopulistischen Partei auch ohne
Druck von aussen auf eine Fortsetzung der bisher geführten Politik
verpflichtet. Österreichs Demokratie war nie in Gefahr und brauchte
von den Vierzehn nicht gerettet zu werden.
Wenn es in Österreich und andern EU- Staaten Fremdenfeindlichkeit und
Rassismus, rechtsextreme Gewalt und linksextremen Terror zu bekämpfen
gilt, so ist das zu nächst die politische Aufgabe jedes einzelnen
Mitglieds der Union selber - eine Aufgabe, deren sich die meisten
bisher recht zufriedenstellend entledigt haben, jedes aber nach seiner
Façon. Chirac praktiziert eine scharfe Abgrenzung nach rechts und
meidet Kooperation; Belehrungen von «Freunden» hätte er sich wohl
verbeten. Für Deutschland gelten immer noch die historisch bedingten
Belastungen, die ein deutsches Ausscheren aus der Front der Vierzehn
wohl nicht als realistisch hätten erscheinen lassen. Haider
insbesondere, der nun ob der «Niederlage» der EU triumphiert und mit
seiner üblichen provinziellen Grobschlächtigkeit über Chirac und
Schröder herzieht, lässt sich nicht mit Sanktionen von aussen, sondern
nur mit überzeugender und konsequenter Politik von innen her
schwächen. Auftrieb hat er in den langen Jahren der Opposition, der
Immobilität der rot-schwarzen Koalition in Österreich erhalten. Die
übers Knie gebrochenen Massnahmen der Vierzehn waren ein gefundenes
Fressen für ihn.
Europäische Werte gibt es; man sollte zu ihnen tatsächlich besser
Sorge tragen. Die EU selber und die Grundidee des politischen
Zusammenschlusses in Europa haben kaum eine Niederlage erlitten. Der
Präsident der Kommission, Prodi, hat sich von allem Anfang an von den
Vierzehn distanziert, weil er die politische Sprengkraft und die recht
liche Fragwürdigkeit ihres Vorgehens erkannte. Er hat nun auch
folgerichtig verlangt, dass sofort Konsequenzen aus dem Bericht der
«Weisen» gezogen werden. Das eigenmächtige bilaterale Handeln der
vierzehn Regierungen, die grobe Missachtung ihrer Verpflichtungen
gegenüber einem Mitgliedstaat, die bewusste Umgehung der Insti
tutionen und einschlägiger Bestimmungen des Unionsvertrags sind
Ausdruck eines mangelnden Bewusstseins, worum es hier geht. Sie sind
aber eher Argumente für - nicht gegen - eine vertiefte Integration im
Rahmen der EU.
Wäre der freiwillige politische Zusammenschluss der Staaten Europas
zum Zeitpunkt der Regierungsbildung in Österreich weiter
fortgeschritten gewesen, hätte es zumindest einen allgemeinen Konsens
und klarere Richtlinien für ein allfälliges Einschreiten oder ein
Abwarten der EU-Mitglieder gegeben. Es wäre mehr oder weniger klar
gewesen, welche Parteien nun als Teilhaber europäischer Regierungen im
Voraus akzeptabel sind und welche nicht und welcher Tat bestand
erfüllt sein müsste, bevor die Mitglieder im Rahmen einer sich
allmählich her ausbildenden europäischen Innenpolitik intervenieren
müssten.
Der Bericht der «Weisen» suggeriert, dass sogenannt populistische
Parteien linker oder rechter Provenienz gerade noch hingenommen werden
können, radikale oder extremistische aber nicht. Die Frage allerdings,
welche Partei in welche Kategorie gehört, müssen in erster Linie die
Wähler in den einzelnen Staaten beantworten. Wenn Haiders Partei in
Regierungsstellung wirklich eine Gefahr nicht nur für Österreich,
sondern für ganz Europa dargestellt hätte, wäre es bereits Zeit für
die Alarmglocken gewesen, als sich ein Zusammengehen der FPÖ mit
Klimas Sozialisten abzeichnete. So bleibt der unschöne Verdacht
haften, dass Europa einmal mehr für etwas anderes instrumentalisiert
wurde - diesmal, um den von Macht und Pfründen verwöhnten
österreichischen Sozialisten den Jungbrunnen der Opposition zu
ersparen.